Visionen aus dem Land der Herzenssehnsucht

 

Zeugnis eines irischen Mystikers (A.E.) bezüglich der Existenz der Sidhe in Auszügen übersetzt von Hamsadevi C. aus "The Fairy Faith in Celtic Countries" von W.Y. Evans-Wentz, Oxford University Press, Oxford, 1911

 

Aufgrund der Freundlichkeit eines mit ausgeprägten seherischen Fähigkeiten begabten irischen Mystikers, ist es mir hier möglich, in Form eines Dialoges einen sehr seltenen und wichtigen Beweis zu erbringen, der dazu dienen soll, das bisher weiter oben zum Thema des irischen Mystizismus Gesagte zu verdeutlichen und zu bestätigen.

Für Anthropologen kann dieses Zeugnis von weit mehr als dem üblichen Wert sein, wenn diese wissen, daß es sich bei dem Zeugen nicht nur um einen geübten Seher, sondern gleichzeitig auch um einen Mann handelt, der geradezu Mißtrauen erweckend erfolgreich ist im praktischen Leben in einer großen Stadt.

Visionen:

Frage: Hatten alle deine Visionen denselben Charakter?

Antwort: Ich habe immer unterschieden zwischen den Bildern, die ich im Erinnerungsvermögen der Natur sehe, und jenen Visionen tatsächlicher Wesen, die jetzt auf den inneren Ebenen existieren: Ich kann meine Augen schließen und dich als ein lebendiges Bild in meiner Erinnerung sehen; oder ich kann dich mit meinen physischen Augen ansehen und dein tatsächliches Abbild sehen. Wenn ich diese Wesen sehe, von denen ich spreche, dann ist es egal, ob die physischen Augen offen oder geschlossen sind: mystische Wesen in ihrer eigenen Welt und Natur können nie mit den physischen Augen erblickt werden.

Anderswelt:

Fr.: Meinst du mit der inneren Ebene die keltische Anderswelt

A.: Ja - obwohl es viele Anderswelt-Ebenen gibt. Das TirNaNog der alten Iren, in dem die Rassen der Sidhe leben, kann man als strahlenden Archetypen dieser Welt ansehen, obwohl diese Beschreibung in keinster Weise seiner geistigen Natur gerecht wird. In TirnaNog sieht man nichts als Harmonie und wunderbare Formen. Es gibt andere Ebenen, in denen wir erschreckende Gestalten sehen können.

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Zustände der Hellsicht / Seherschaft

Fr.: In was für einem Zustand oder unter welchen Bedingungen und wo hast du solche Wesen gesehen?

A.: Am häufigsten habe ich sie gesehen, wenn ich einige Tage lang von einer Stadt entfernt war. Die gesamte irische Westküste von Donegal bis nach Kerry herunter scheint mit einer magischen Kraft aufgeladen zu sein, und ich finde es am einfachsten zu sehen, wenn ich dort bin. Ich habe es immer vergleichsweise einfach gefunden, Visionen zu haben, wenn ich an einem alten Bauwerk war, wie z.B. Newgrange und Dowth, denn ich glaube, daß solche Orte von Natur aus mit feinstofflichen Energien aufgeladen sind und aus diesem Grunde vor langer Zeit als heilige Plätze benutzt worden sind. Normalerweise kann ich mich nach meinem Willen in den seherischen Zustand versetzen, aber manchmal drängen sich mir die Visionen auf.

Die Leuchtenden Wesen

Fr.: Kannst du die Leuchtenden Wesen beschreiben?

A.: Es ist sehr schwierig, eine verständliche Beschreibung von ihnen zu geben. Als ich sie zum ersten Mal in großer Deutlichkeit sah, lag ich allein auf einem Hügel im Westen Irlands, im County Sligo: ich lauschte einer Musik in der Luft, und etwas, das dem Klang von Glocken zu ähneln schien, und ich versuchte dieses luftige Zusammenprallen zu verstehen, in denen sich Windhauch an Windhauch zu brechen schien wie Wellen, in einem sich ständig verändernden melodischen silbrigen Klang. Dann begann der Raum vor mir zu erstrahlen und ich sah ein wunderbares Wesen nach dem anderen.

Die Strahlenden Wesen

Fr.: Kannst du eines der Strahlenden Wesen beschreiben?

A.: Ich erinnere mich sehr deutlich an die erste Erscheinung und deren Umstände. Zuerst sah ich ein Flackern von Licht; und dann sah ich, daß dies vom Herzen einer großen Gestalt ausging, die offensichtlich aus durchscheinender, schimmernder Luft zu bestehen schien, und den Körper durchfloß ein strahlendes elektrisches Feuer, dessen Zentrum das Herz zu sein schien. Um den Kopf dieses Wesens herum und in seinem leuchtenden wehenden Haar, das wie lebendige Stränge strahlenden Goldes um seinen ganzen Körper herumflatterte, erschien eine flammende, flügelgleiche Aura. Von dem Wesen selbst schien Licht auszugehen und in alle Richtungen zu strahlen; und die Wirkung, die diese Vision im Nachhinein auf mich hatte war eine außergewöhnliche Leichtigkeit, Freude oder Ekstase.

In dieser Phase meines Lebens sah ich viele dieser großen Wesen, und damals glaubte ich, daß ich Visionen von Aengus, Mananaan, Lugh und anderen berühmten Königen und Prinzen des Tuatha de Danaan hatte. Seitdem habe ich jedoch so viele ähnliche Gestalten gesehen, daß ich keinem von ihnen jetzt noch einen bestimmten Charakter oder eine persönliche Identifikation mit irgendeiner bestimmten Gestalt aus den Legenden zuodnen würde. Dennoch glaube ich, daß sie in einer allgemeineren Art und Weise mit den Tuatha de Danaan oder den alten keltischen Gottheiten korrespondieren.

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Natur der Sidhe

Fr.: Hältst du das Leben und den Bewußtseinszustand dieser Sidhe für überlegen gegenüber dem Leben und dem Bewußtseinszustand der Menschen?

A.: Das könnte ich niemals entscheiden. Man kann mit Bestimmtheit sagen, daß sie wesentlich schöner als Menschen sind, und daß ihre Welten schöner als unsere Welt erscheinen. In der Gruppe der Leuchtenden scheint kein individualisiertes Leben zu bestehen; wenn also einer von ihnen die Hände erhebt, dann erheben alle ihre Hände; wenn einer von ihnen von einem Feuerquell trinkt, so scheinen alle dies zu tun; es scheint, als haben sie ihr Leben und ihre Daseinsquelle in einem Lebewesen, das höher als sie steht, für das sie eine Art Körper sind.

Meiner Meinung nach haben sie ein so ruhiges und unindividualisiertes Dasein, daß ich in fünf Stunden mehr verschiedene Gedanken habe, als sie es in fünf Jahren hätten; und dennoch empfindet man eine außergewöhnliche Reinheit und Erhöhung in ihrem Dasein. Die Schönheit ihrer Gestalt und Erscheinung wurde nie durch jene Leidenschaften zerbrochen, die bei den Menschen mit dem sich entwickelnden Egoismus aufsteigen. Man hat ein Bienenvolk als einen einzigen Organismus mit voneinander getrennten Zellen beschrieben. Und einige dieser Stämme von leuchtenden Wesen scheinen wenig mehr zu sein als ein einziges Wesen, das sich in vielen wunderbaren Gestalten manifestiert. Ich sage dies voller Ehrfurcht zu den leuchtenden Wesen; aber ich glaube, daß bei den strahlenden Wesen oder Sidhe, die die himmlische Welt bewohnen, eine größere spirituelle Einheit, aber auch eine größere Individualität besteht.

Einfluß der Sidhe auf die Menschen

Fr.: Hältst du irgendeinen der Sidhe der Menschheit gegenüber für feindlich gesonnen?

A.: Einige Arten von leuchtenden Wesen, die ich Waldwesen nenne, haben nie irgendeinen erkennbaren negativen Einfluß auf mich ausgeübt. Aber ich fürchte immer die Wasserwesen, die auch zu den Stämmen der Leuchtenden gehören, denn immer wenn ich das Gefühl hatte, mit einem von ihnen, mit ihnen in Kontakt zu stehen, so befiel mich ein ausgeprägtes Schwindelgefühl, eine Schläfrigkeit des Verstandes und manchmal ein wirkliches Entziehen von Lebenskraft.

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Vermehrung und Unsterblichkeit der Sidhe

Fr.: Hältst du die Rassen der Sidhe für fähig, sich zu reproduzieren; und sind sie unsterblich?

A.: Die höheren Arten scheinen dazu in der Lage zu sein, Wesen aus sich heraus zu atmen; aber ich weiß nicht, wie sie dies tun. Ich habe einige gesehen, die in sich Elementenwesen enthielten, und diese konnten sie aussenden und später wieder in sich zurücknehmen.

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Sidhe und menschliches Leben

Fr.: 1) Nach dem Glauben der alten Iren sind einige der höheren Sidhe in unsere Daseinsebene eingetreten, indem sie sich als Menschen gebären ließen. Hältst du es für möglich, daß so etwas geschehen ist oder geschehen könnte?

2) Hältst du es andersherum für möglich, daß Menschen in Trance oder nach ihrem Tod in die Welt der Sidhe eintreten können?

A.: zu 1) Ich kann dazu nichts sagen.

zu 2) Ja - beides in Trance und nach dem Tod. Ich glaube, daß jeder, der in seinem Leben viel an die Sidhe denkt und sie gelegentlich gesehen und über sie nachgedacht hat ziemlich wahrscheinlich nach seinem Tod in ihre Welt eintreten wird.

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Kollektive Visionen der Sidhe-Wesen

Fr.: Hast du in Gesellschaft anderer Menschen Visionen von den verschiedenen Arten der Sidhe gehabt?

A.: Ich hatte zu verschiedenen Anlässen solche Visionen.

 

Dieses Statement wurde mir unabhängig voneinander von drei verschiedenen Personen bestätigt, die jeder für sich zu verschiedenen Zeiten als sie mit unserem Zeugen unterwegs waren gleichzeitig mit ihm dieselben Visionen wie dieser gehabt hatten.

Bei einem anderen Anlaß hatte der Zeuge in der Gegend von Rosses Point, County Sligo gleichzeitig mit einem Freund, der ebenfalls die Sehergabe besitzt eine Vision von demselben Sidhe. Zu dieser Zeit standen die beiden Spaziergänger ein Stück voneinander getrennt. Nach der Vision rannten beide gleichzeitig los, um dem jeweils anderen von ihrer Vision zu berichten, nicht wissend, daß dies nicht nötig war.

Ich habe mit beiden Beteiligten eine Weile gesprochen und kenne beide so gut, daß ich vollkommen dazu in der Lage bin, zu beurteilen, daß beide alle vom Psychologen geforderten Anforderungen erfüllen, um als glaubwürdige Zeugen gelten zu können.

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