Hymne an die Göttin Kali

Mahadevi, Kalika; Du bist ohne Anfang und ohne Ende. Dein Körper wird dargestellt in blauer Farbe; denn Du durchdringst die Welten wie der blaue Himmel. Ungekämmt und verfilzt ist Dein Haar, denn Du bindest darin unzählige Jivas durch die Fesseln des Maya.

Du wirst dargestellt mit drei Augen, die Mond, Sonne und Feuer symbolisieren; denn als Virat bist Du Zeugin der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Welten und siehst alles.

Agama und Nigama sagen, daß Dir der kindliche und ungestörte Sadhaka sehr lieb ist.

Du bist die Erschafferin, Erhalterin und Zerstörerin der Millionen Welten; auf Deinem Körper trägst Du das Zeichen der Yoni, das Erschaffung bedeutet. Deine schönen und vollen Brüste bedeuten Erhaltung, und Dein erschreckendes Gesicht zeigt die Zurücknahme aller Dinge.

 Du trinkst den Wein der Illusionen aus einer beinernen Schale; mit Deinem Schwert zerstörst Du die Fesseln der Illusionen.

Du bist Digambara, die mit dem Raum Bekleidete, denn Du bist Brahma, frei von der Umhüllung durch Maya und unbetroffen.

Mögest Du, oh Mahadevi, mir alle Verstöße verzeihen. Sei großzügig; behüte unser Leben, unser Ansehen, unsere Familien und unser Habe. Und im Tod schenke uns Befreiung.

Oh Mutter der Welt; wir bringen dir Ehrerbietung dar; siehe gnädig auf uns herab!

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Orakel der Göttin Kalika durch ihre Priesterin

Ihr tut gut daran, euch in eurer Not an mich zu wenden. Viele fürchten mich und mein Zeitalter der Zerstörung, dem ihr meinen Namen gegeben habt und es Kali-Yuga nennt. Doch wisset, indem ich Zerstörung veranlasse, schaffe ich Platz für etwas Neues. Denn ihr seid meine geliebten Kinder; und nur so könnt ihr die Chance bekommen, immer wieder von neuem in der Gegenwart die Zukunft zu gestalten, wie unsinnig Eure Taten in der Vergangenheit auch gewesen sein mögen.

Meine Zerstörung ist Bewegung und stetige Veränderung. Ihr fürchtet mich, weil ich eure Illusionen über Euch selbst zertrete, und  ihr meint, ihr seid es, die unter meinen Füßen zermalmt werden. Dabei wißt ihr nicht, daß ich in meinem Tanz Eure Fesseln zerstöre, damit ihr wachsen könnt. Ihr sagt, ich würde die Welten vernichten. Dabei vernichte ich nur Eure falschen Weltbilder, an denen ihr haftet und mit denen ihr Euch selber bindet wie einen Leichnam in Totenlaken. Lachend tanze ich über die Verbrennungsstätten - dabei zertanze ich Dummheit, Stagnation und Gier, denn dies sind die eigentlichen Dämonen, die eure Welt bedrohen. Und dies ist nur so, weil ihr sie nicht erkennt, sondern selbstverliebt ins Antlitz dieser Geister schaut und ihr euch vorgaukeln lasst, daß sie euch Sicherheit und Zuflucht schenken, wo nichts als Trugbilder und Wahnvorstellungen der eigenen Größe oder Kleinheit zu finden sind. Erwachet, erwachet, erwachet endlich aus den Träumen über eurem eigenen Leichnam, die schon längst zu Albträumen geworden sind.

In meiner Liebe zu Shiva liebe ich den Tanz des Lebens, der Freude und der Ekstase des Daseins. Ihr wollt teilhaben an meinem Mysterium der Zerstörung und Erschaffung? Dann erfreut auch an der Freude und Unwiederbringlichkeit des Augenblicks, an euren Sinnen und an all der Schönheit um euch herum.  

Jene, die mir folgen, wissen, daß meine Lektionen schmerzhaft sein können. Doch nichts ist dieses Leid gegen die Leichtigkeit und die Freude, die folgt, wenn ihr eure Lektion verstanden habt. Nicht ich bin es, die euch Schmerzen bereitet. Ihr selber seid es, die sich  Leid bereiten, indem sie den eigenen Illusionen folgen und diese zu ihren Göttinnen und Göttern erklären, und sich dabei selbst in Fesseln schlagen. Dann erkennt ihr, daß ihr in eine Sackgasse geraten seid und wendet euch vollkommen vom Göttlichen ab. Oder ihr idealisiert, was ihr so nicht ändern könnt und kontempliert über den Verfall und dabei behauptet ihr, mich zu verehren. Dann bin nicht ich es, die ihr verehrt. Stattdessen sind es eure falschen Vorstellungen von meiner Kraft, die ihr statt meiner anbetet und euch damit immer tiefer in Verwirrung und Verzweiflung stürzt. Und dann sagt ihr, ich hätte euch in diese Verwirrung gestürzt und ihr nennt mich grausam.

In Wahrheit aber findet ihr mich, wenn ihr mit offenen Augen und Ohren, unvoreingenommen und liebevoll euren Mitwesen begegnet. Denn ebenso, wie ich mich in der Zerstörung der Illusionen offenbare, zeige ich mich jenen, die mein Mysterium verstanden haben als die Große Mutter allen Daseins.

Wenn ihr euch dann endlich befreit habt von Anziehung und Abstoßung, Dummheit und den Fallen des hypnotisierten Ego, so könnt ihr mich in meiner universalen Manifestation erfahren. Dann offenbare ich mich euch in der Schönheit in allem um euch herum, in der Freude am Dasein, in den sinnlichen Genüssen, in der strahlenden Pracht des Sternenhimmels, der mein Gewand ist.    

Ihr fragt, wie ihr dies erreichen könnt? Wisset, in den Nigamas und in den Aganas offenbare ich meine Geheimnisse. In den Lehren der Nathas offenbare ich die Wege, die zu mir führen.

Weiht mir einen Schrein und betet täglich zu mir. Opfert Früchte, Blumen und wertvolle Düfte; bringt eure schweifenden Gedanken zur Ruhe; Schaut in euch hinein und vor allen Dingen opfert eure falschen Vorstellungen jeden Tag von neuem. Dann könnt ihr Befreiung erlangen, und freudig teilhaben an meinem Tanz von Schöpfung, Auflösung und Neuwerdung. Dann werdet ihr mich erkennen als die Große Mutter des Universums, zu der alles Leben am Ende eines Kreislaufs zurückkehren muss. Dann hat der Tod seinen Schrecken für euch verloren und freudig werdet ihr am Tanz der Schöpfung teilhaben, in jedem Augenblick eures Daseins. Und wenn ein Lebenszyklus für euch vergangen ist, so kehrt ihr in  meinen Schoß zurück, ohne Angst vor dem Unbekannten und wohl wissend, daß ihr durch mich neu geschaffen werdet, wenn eure Zeit gekommen ist.

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