Gebet an die Göttin Cerridwen 

Göttin der Inspiration; Göttin der Erschaffung; komm zu unserer Hilfe, wir flehen dich an! Wir sind ausgebrannt und geplagt in dieser Leere, wo weder die Phantasie noch die Prophezeiung zu finden ist, denn wir bewohnen ein verwüstetes Land der Rechenmaschinen, deren Statistiken unsere Seelen ausschließen. Gib uns die Tage unserer unschuldigen Kindheit zurück!

Orakel

Weit jenseits des Landes des kalten Verstandes und der versteinerten Herzen und doch näher als der Hauch des Atems in einer frostigen Morgendämmerung liegt Sommerland, das Vielfarbige Land der Herzenssehnsucht! Dort steht der Kessel der Schöpfung inmitten von drei großen Steinkreisen, und jenseits der Kreise liegt das leidvolle, verwüstete Land der Erde, in dem wir leben.

Nachdem sie sich von der Mutter abgewandt hat, spielt dort die verlorene Seele, zerrissen von  Angst und Zweifeln endlose Spiele des Verstandes. Und der zählt eins und eins zusammen, und zwei und zwei, und doch - wie sehr er auch rechnet und rechnet, erreicht er doch niemals die Unendlichkeit!

Denn die Unendlichkeit ist jenseits von Zahlen und Rechnen; und doch ist sie dem ersten ebenso nahe wie dem letzten. Und der Reisende in die Zukunft in Zeit und Raum kehrt immer zurück, wie von Zauber gebunden, zu seinem eigenen Ausgangspunkt. Nur wenn er sich um Hilfe an die Gottheit wendet kann aus seinem verstandesgeschaffenen Gefängnis gerettet werden.

Wenn ihr aus meinem Kessel der Schöpfung die drei magischen Tropfen der Inspiration, der Einzigartigkeit und der Vorstellungskraft entfernt, dann bleibt euch nichts über als ein giftiger Überrest aus starren Gedanken, seelenloser Regeln und todbringender Orthodoxie. Kehrt zum Kern zurück, zur Matrix, die größer ist als die begrenzte Welt um euch herum! Unternehmt weite Reisen, um meinen Kessel zu erreichen, und nehmt die Prüfungen, die eure Eignung testen mit Mut auf euch! Lasset euch nicht durch falsche Demut ablenken, die euer Geburtsrecht auf die freie Entscheidung unter den Befehl anderer abgibt! Denn selbst jene Reisenden, die es schaffen, den Gral zu erlangen sind nicht dazu in der Lage, ihn mit ihren Gefährten zu teilen; denn das Gesetz lautet, daß jeder die göttliche Inspiration für sich in Zurückgezogenheit durch Dienst erlangen muss. Wisset, daß selbst ich, Cerridwen, die Gaben des Geistes nicht an meinen göttlichen Sohn weiterzugeben vermochte. Noch weniger können Sterbliche, wie ihr meine Geistesgaben empfangen. Und merkt euch, daß dem Jungen die Inspiration unerwartet während seiner alltäglichen Arbeit zuteil wurde. Und er floh voller Schrecken, und verstand weder mich noch seine große Bestimmung.

In vielen Leben, in vielen Gestalten, flieht die Seele vor meiner Umarmung, die ich die Mutter des Universums bin, jene, die allen Geschöpfen Leben und Tod bringt. In Wahrheit ist mein Kessel beides; der Leib ebenso wie das Grab. Denn nur durch Geburt und Tod kann die Seele an meinem Gral teilhaben und damit das Elixier des Lebens empfangen.

Habt Mut! Pflegt die Demut. Seid einzigartig; respektiert die Einzigartigkeit der anderen. Benutzt eure Vorstellungskraft; doch bedenkt, daß sich alles, was ihr euch vorstellt in einer anderen Sphäre manifestiert; darum lasst eure Visionen edel und wahrhaftig sein. Wenn ihr meinen Gral erlangt, werdet ihr Sommerland in allem um euch herum finden; in dem Raum, wo ihr träumt, im Baum voller Vögel vor eurem offenen Fenster, in den Augen aller, die euch lieben.

 

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