Das Drama mit dem Karma

"Karma" ist ein Begriff, der erstmals durch die Theosophie Eingang in die westliche Esoterik gefunden hat. Da es zu jener Zeit keinerlei vertrauenswürdige Quelle für östliche Philosophie im Westen gab, stand es den "ErfinderInnen" der Theosophie frei, in diesen Begriff all jene unverstandenen und scheinbar verstandenen Glaubenskonzepte hinein zu interpretieren, die sie für richtig hielten.

Mittlerweile haben wir in der westlichen Welt das unschätzbare Glück, Zugang zu nahezu allen spirituellen Überlieferungen unseres Planeten finden zu können, wenn wir uns aufmachen, um Behauptungen zu überprüfen, die von jenen aufgestellt wurden, die sich als Träger östlicher, westlicher und überhaupt sämtlicher Weisheit betrachteten und betrachten. Diese große Chance beispielsweise ist gutes Karma!

Trotz dieser großen Möglichkeiten ziehen es manche immer noch vor, sich den spirituellen Einsichten östlicher Philosophie zu verweigern und sogar zu behaupten, die Beschäftigung mit östlicher Philosophie sei für den westlichen Menschen schädlich. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass niemand, der eine solche Behauptung aufstellt, sich jemals ernsthaft mit eben diesen östlichen Strömungen auseinandergesetzt, geschweige denn den Dialog mit den VetreterInnen der authentischen spirituellen Traditionen Asiens gesucht hätte. So bleiben solche Behauptungen unbewiesen und unbegründet.

Bemerkenswert ist, dass zumeist gerade jene, welche die östliche spirituelle Praxis für "schädlich" halten, nur allzu oft und allzu gern ihre Vermutungen über das Karma ihrer Mitwesen als scheinbare spirituelle Einsicht dem mehr oder weniger interessierten Rest der Welt entgegen trompeten.

Der Hauptirrtum und die sich daraus ergebenden Denkfehler dieser westlichen "Karma-SpezialistInnen" besteht in der fälschlichen Annahme, dass die Begriffe "Karma" und "Schuld & Sühne" als gewissermaßen gleichwertige Terme zu behandeln sind.

Dabei handelt es sich hier um zwei völlig unterschiedliche philosophische Konzepte, die aus unterschiedlichen religionsphilosophischen Ansätzen und soziologischen Zusammenhängen entstanden sind, was eigentlich jedem Menschen klar sein könnte, der sich ernsthaft mit den entsprechenden östlichen Quellen auseinandersetzt.

Betrachten wir zunächst das Schuld und Sühne Konzept, von dem angenommen wird, das es auf der Basis der vorherrschenden moralischen Vorstellungen einer christlichen Gesellschaft "funktioniert". Viele NeuheidInnen lehnen zwar dieses Konzept ab, haben es aber doch durch die "Hintertür" einer "strafenden Göttin" wieder eingelassen. Die Grundidee dieser Vorstellung basiert auf der Annahme, dass irgendeine Höhere Kraft mit einer Wächterfunktion über die Einhaltung der moralischen Vorstellung einer bestimmten Gruppe oder Gesellschaft existiert, welche aktiv in Erscheinung tritt, sobald ein Mitglied dieser Gruppe oder Gesellschaft eben diesen moralischen Vorstellungen zuwider handelt, auf welche sich die betreffende Gemeinschaft geeinigt hat. -Aha!

Diese Annahme wirft eine Menge Fragen auf. Zum Beispiel die, warum es dann möglich war, das Millionen von Menschen dem Nazi-Regime zum Opfer fallen konnten, warum es noch immer möglich ist, das die chinesische Regierung in Tibet langsamen Völkermord am tibetischen Volk betreibt, warum in Belfast katholische irische Kinder noch immer auf ihrem durch protestantische Viertel führenden Schulweg um ihr Leben fürchten müssen, warum in Palästina palästinensische Kinder überhaupt nicht zur Schule gehen können, da diese einem israelischen Bombenangriff zum Opfer gefallen ist und warum afghanische Kinder beim Spielen im Freien damit rechen müssen, durch eine Tretmine zerrissen zu werden. Bedauerlicherweise könnte diese Liste menschlichen Leidens noch ziemlich endlos fortgeführt werden! Warum?????????????????????????????

Legen wir die Annahme der Existenz einer wie oben beschriebenen Göttlichen Entität zugrunde, müssten dann nicht eigentlich alle Kriegstreiber, Faschisten, Waffenhändler und andere, die immer neues Leid anzetteln, um sich die überquellenden Geldtaschen noch mehr zu füllen, stante pedes vom Blitz erschlagen werden? Oder macht dieser göttliche Moralwächter gerade Urlaub, und das schon viel zu lange?

Die aufgrund der historischen Fakten widerlegte Vorstellung einer wie oben beschriebenen Gottheit versucht die westliche Esoterik nun mit zwei Kunstgriffen aufrecht zu erhalten.

1. Das Neue Testament - Konzept der Vergebung

Durch den Opfertod des Christus sind alle Menschen, so sie christlich getauft sind, spätestens mit ihrem Ableben aus dieser Ebene von ihren Sünden befreit - auch Waffenhändler, Nazis und andere Kriegsverbrecher.

Schlimmstenfalls müssen sie im Fegefeuer büßen, eine Vorstellung, die vielleicht einen infantilen Rachewunsch jener, die so denken, befriedigt, den eigentlich betroffenen Opfern solcher Kreaturen aber auch nichts mehr hilft.

2. Reinkarnation

Durch das Konzept der Reinkarnation kommt jetzt der Begriff "Karma" ins Spiel. In abergläubischer und unverantwortlicher Weise werden die Vorstellung von wiederkehrenden materiellen Existenzen mit derselben Seelensubstanz und das Konzept des infantilen Wunsches nach einer ordnenden Gottheit, die belohnt und bestraft, vermischt.

Die allerperversesten Blüten treibt diese Vorstellung dann in dahin lautenden Behauptungen, dass das israelische Volk an seinem Leid in Nazi-Deutschland selber "schuld" ist, ebenso wie die Menschen, die in den armen Ländern unter Hunger und Krieg leiden. Das Leid der Mitwesen wird mit "schlechtem Karma" begründet. Dieser Behauptung wird die Annahme zugrunde gelegt, dass der Mensch, der in einem Leben gegen die moralischen Vorstellungen verstoßen, "gesündigt" hat, in einer folgenden Inkarnation dafür "bestraft" wird. Solche Schlussfolgerungen zeugen nicht nur von Unwissenheit sondern auch von absoluter Abwesenheit jeglichen Mitgefühls. Zugegebenermaßen ist ein solcher Aberglaube überaus bequem, kann man/frau sich doch in der Vorstellung sonnen, was sie / er für ein überaus GUTER Mensch in früheren Leben gewesen sein muss, dass sie / er jetzt den vergleichsweise feisten Reichtum und Lebensstil des Westens in mehr oder weniger vollen Zügen genießen kann, und sich keine Mühe mehr zu geben braucht, das Leid der Wesen zu lindern. Die, so "weiß" man/frau ja jetzt, haben sich ihr Leid selber zuzuschreiben. Da würde mensch doch geradezu dem göttlichen Henkersbeil in den Arm fallen, wenn sie / er versuchte, dieses Leid zu lindern,....wo man/frau das Geld und die Energie ja viel besser beim nächsten Karma-Therapeuten / Therapeutin lassen kann.

Nur in einer durch und durch dekadenten, für das Leid der Mitwesen völlig desensibilisierten Gesellschaft können solche Vorstellungen entstehen und Fuß fassen. Und so ist es auch. Überprüft man die Quelle, aus der diese Ideen sprießen, so landet mensch früher oder später bei der Theosophischen Gesellschaft und ihren Mitgliedern, allesamt Angehörige der Ober- und bildungsbürgerlichen Mittelschicht, oft der vom viktorianischen, imperialistisch-rassistischen Geist des britischen "Empire" geprägten Gesellschaftsklasse einer Zeit entstammend, in der man dort die Iren als "reizende Barbaren" bezeichnete, solange sie Theater spielten statt sich um die Befreiung ihres Landes aus den würgenden Klauen des Empire zu kümmern, und wo dunkelhäutige Menschen als eine Vorstufe des Homo sapiens betrachtetet wurden...Soviel zum geistigen Nährboden, indem die Wurzeln westlich esoterischer Karmavorstellung wuchsen oder besser wucherten.

Wir sehen, dieses geistige Umfeld, ist wahrlich eher dazu geeignet, jedem halbwegs klar denkenden und anständigen Menschen den letzten Atem abzuschnüren als dazu, universale spirituelle Einsichten in irgendeiner Form zu fördern oder gar zu erlangen.

Bedauerlich ist, das die falschen und arrogant-chauvinistischen Vorstellungen britischen Kolonialismus nicht nur Eingang in die esoterische Vorstellungswelt des Westens gefunden haben, sondern auch an der Schwelle zum 3. Jahrtausend, wo mensch es doch aufgrund zahlreicher authentischer Informationsmöglichkeiten zum Thema nun mitterweile wirklich besser wissen könnte, noch immer solche, jeglicher realistischen Grundlage entbehrenden, unzeitgemäßen, und mitgefühlslosen, selbstgefälligen Thesen verteten, verbreitet und breit gewalzt werden. Wohl mit Fug und Recht dürfen solche Vorstellungen als Eso-Faschismus und Lichtfaschismus bezeichnet werden!!!!

Doch wenden wir uns ab von diesen unansehnlich-giftigen seelenverschlingenden Blüten der Ignoranz und Arroganz und hin zum Lichtlotus der Weisheit des Vajrayana Buddhistismus, in dem sich uns ein ganz anderes Spektrum von Geburt und Wiedergeburt, Karma und Befreiung eröffnet.

Das Begehren ist es, das allem lebensbejahenden Wirken des Menschen zugrunde liegt; und dieses Wirken in Worten, Taten und Gedanken ist es, das je nach seiner Beschaffenheit den Charakter und das Geschick des Menschen bestimmt und ihn die Folge dieses Wirkens in immer erneuten Existenzen erfahren lässt. Das Dasein, oder besser der "Werdeprozess" gliedert sich also in einen aktiven, verursachenden Karmaprozess und seine Auswirkung, den Wiedergeburtsprozess.

Ebenso wie die auf dem Wasserspiegel eines Teiches dahingleitende Welle nichts weiter ist, als ein durch den Wind erzeugter und sich als fortgesetztes Sichheben und Sichsenken äußernder Vorgang; genauso ist es keine wirkliche Ichheit, die das Meer des Leidens durcheilt, sondern nur ein durch Begehren erzeugter Werdeprozess, der je nach der Art des karmischen Wirkens bald als Mensch, bald als Tier, bald als unsichtbares Wesen in Erscheinung tritt, wobei das sich beständig wiederholende Aufleben und Absterben dieser Wesen mit den unaufhörlichen Hebungen und Senkungen des Wassers verglichen werden kann.

Es sei nochmal betont, dass Karma das Wirken selbst bedeutet und nicht etwa das Ergebnis des Wirkens oder gar das Schicksal des Menschen ist, wie es vielfach in der westlichen Esoterik angenommen wird.

In der buddhistischen Lehre bezeichnet Karma den die Wiedergeburt erzeugenden oder beeinflussenden heilsamen oder unheilsamen Willen sowie die damit verbundenen Geistesfaktoren.

Also nichts mit Schuld und Strafe!

Während der Buddhismus vom Nicht-Seienden ausgeht, haben manche tantrischen Schulen diesbezüglich die Vorstellung, dass "die Gottheit Mensch wurde, um sich der Sinne zu erfreuen".

Ebenso wie im Buddhismus ist hier Begehren die Ursache für den Eintritt in den Kreislauf der Existenzen.

Nach der buddhistischen Vorstellung ist es beispielsweise denkbar, dass ein Wesen durch verdienstvolle Handlungen, also Handlungen, die von Selbstlosigkeit und Mitgefühl geprägt sind, damit die Voraussetzungen für eine Wiedergeburt mit noch besseren Möglichkeiten spiritueller Entwicklung schafft, ja, es sogar bis zu einer Existenz als Göttin oder Gott bringen kann. Doch ebenso mag diese Göttin oder dieser Gott, falls sie oder er sich in dieser göttlichen Existenzebene gewissermaßen selbstgefällig auf den angehäuften Lorbeeren ausruht, zwar lange Zeit in einem solchen Zustand schwelgen; doch hoppla - irgendwann ist der ganze Verdienst verfeiert - und auf geht´s zu einer neuen Runde, als Erdling, Tier oder sogar als hungriger Geist, und das solange bis alles Begehren aufgehört hat.

Was ist nun karmisch heilsam und was unheilsam?

Unheilsam

das Töten von Lebewesen

das Nehmen fremden Eigentums

unzulässiger Geschlechtsverkehr*

*hierzu gibt es verschiedene Interpretationen. Ich würde es so formulieren: kein Mitgefühl bei der Auswahl von SexualpartnerInnen, das Ablehnen von Verantwortung in Bezug auf Partnerschaft und Sexualität

Lügen

Hinterbringen*

*das bedeutet neben Denunziantentum und Petzliesenhaftigkeit unter anderem auch , jemanden zu kränken, indem man verletzende Aussagen von Dritten über diese Person dem Objekt solcher verbalen Injurien hinterbringt - oft in der Hoffnung, sich selbst dadurch beliebt zu machen, aber auch in der Hoffnung, so den Betroffenen gewissermaßen anonym und indirekt zu kränken.

rohe Rede

leeres Geschwätz

Habgier

Übel wollen

 

Karmisch heilsam

Verwerfen des Tötens

Verwerfen des Stehlens

Verwerfen unzulässigen Geschlechtsverkehrs

Verwerfen von Lügen

Verwerfen von Hinterbringen

Verwerfen von roher Rede

Verwerfen von leerem Geschwätz

Verwerfen von Habgier

Verwerfen von Übel wollen

 

Die fünf Fesseln

Da ist einer ein unwissender Weltling, ohne Achtung vor edlen Menschen, ohne Kenntnis der edlen Lehre, ohne Zügelung darin, ohne Achtung vor guten Menschen, ohne Achtung vor ihrer Lehre, ohne Zügelung darin. Und sein Geist ist gefesselt und beherrscht von Persönlichkeitsglauben, Zweifelsucht, Hang an äußeren Regeln und Riten, Sinnengier und Groll, und wie man sich von diesen aufgestiegenen Dingen befreien kann, das weiß er nicht der Wirklichkeit gemäß. Ihm, der diese Dinge nicht überwunden hat, werden sie zu niederen Fesseln.

Unbekannt mit den der Erwägung würdigen und unwürdigen Dingen erwägt er die der Erwägung unwürdigen Dinge.

Was wohl bin ich in der Vergangenheit gewesen? Was bin ich nicht gewesen? Wie bin ich gewesen? Aus welchem Zustand bin ich in welchen Zustand in der Vergangenheit getreten? Aus welchem Zustand werde ich in welchen Zustand in der Zukunft treten?

All das ist völlig unerheblich! Nicht die Tatsache, ob eine als Obervorbeterin der "keuschen Priesterinnenschaft der Göttin Isis" ihr Leben im alten Ägypten verbracht hat, oder ob sie als Barfrau in einem Puff in Soho ihr Leben gefristet hat ist entscheidend! Entscheidend ist allein, was frau daraus gemacht hat!

Zusätzlich stellt sich hier die Frage, inwiefern der Mensch überhaupt als Individuum mit einem gewissen individuellen, über mehrere Inkarnationen haltbaren Bewusstsein in den Kreislauf der Wiederverkörperungen eintritt.

Fest steht, dass es viel zu viel Leid auf der Erde gibt. Fest steht auch, dass Spekulationen über das Warum und wie berechtigt niemandem nützen. Daraus ergibt sich allein eine Möglichkeit, "gutes Karma" zu schaffen: ein Leben zum Wohle aller Wesen oder :

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

Hamsadevi