Das Mysterium der Harfe von Tara

Erzähler: Gefährtinnen und Gefährten, seid willkommen und betrachtet mit dem Auge des Herzens das Mysterium der Harfe von Tara und wie Lugh, der Strahlende, Teil unseres heiligen Tuatha de Danaan wurde.

Die Stunde des Zwielichts ist hereingebrochen, und nach dem langen Tag der Schlacht gegen die Kräfte der Finsternis haben sich die Krieger und Kriegerinnen Danas zum Bankett in der Großen Halle der Helden niedergelassen.

Doch bedrückt ist die Stimmung der Versammelten, denn die dunklen Mächte drohen die Überhand zu gewinnen. Die Harfe von Tara, welche die drei magischen Melodien des Lachens, des Weinens und des Schlafes spielt und deren Lieder den Versammelten allabendlich Trost und Erquickung spenden, schweigt. Denn als Kriegsbeute hängt sie in der kalten grauen Felsenhalle der Mächte der Finsternis.

So ist die Versammlung des Tuatha de Danaan von Misstrauen erfüllt, als ein lautes und energisches Klopfen durch den Raum dröhnt.

Lugh: klopft laut.

Luchta: Hört dies laute Klopfen. Wer mag es sein, der zu dieser dunklen Stunde Zutritt in unsere Halle wünscht?!

Goibniu: Dunkel ist diese Stunde für Danas Volk.

Kein Wesen, welches unser Vertrauen verdiente ist um diese Zeit unterwegs, da auf dieser schönen Insel die Kräfte der Finsternis dem einsamen Wanderer auflauern, um das Herz mit Gier und Angst zu erfüllen und so die Seele auf den Pfad der Verwirrung und in den Sumpf des Leidens zu locken.

Lugh: klopft lauter

Ogma: Du magst zwar recht haben, Gefährte. Doch nur wenn wir nachschauen, wer um Einlass bittet, werden wir Gewissheit darüber haben, wer oder was vor unseren Toren wartet.

Dian Cecht: Seid vorsichtig, liebe Gefährtinnen und Gefährten und bedenket, dass im Augenblick unser aller Kräfte erschöpft sind. Zum jetzigen Zeitpunkt könnten wir kaum einem neuerlichen Ansturm der Finsternis widerstehen.

Dana: Da magst du wohl recht haben. Doch bedenket, liebe Freunde, heilig ist uns das Gastrecht auf dieser Insel und in dieser Halle. Nach unseren heiligen Geboten steht einem jeden, der wandernd auf den alten Wegen um Herberge bittet, das Recht auf drei Tage und drei Nächte Unterkunft und Verpflegung zu.

Wenn wir mit unseren eigenen heiligen Grundsätzen brechen, und das auch noch in dieser unserer eigenen Festhalle, dann haben die Kräfte der Finsternis schon beinahe gewonnen. Denn dann haben wir uns von der Furcht, der Waffe der Finsternis leiten lassen, statt von unseren eigenen Grundsätzen des Mitgefühls, der Achtsamkeit, der Liebe, des Mutes und der Freigiebigkeit.

Lugh: klopft sehr laut

König Nuada: Nun, so sei es denn. Pförtner, gehe und frage nach der Begehr des hartnäckigen Wanderers.

Pförtner: Wer wagt es zu dieser Stunde, lärmend Einlass in die Halle der Helden zu fordern?

 

Lugh: Ich bin Lugh, der Handwerker. Ethniu von den Formoriern ist meine Mutter; Cian vom Tuatha de Danaan ist mein Vater. Aufgewachsen bin ich bei Tara, der Mutter und höchsten Königin dieser grünen Insel der Seligen.

Pförtner öffnet das Tor und lässt Lugh eintreten.

Lugh tritt ein und spricht: Seid gegrüßt, Gefährtinnen und Gefährten des Tuatha de Danaan. Dank sei euch für eure Gastlichkeit.

König Nuada: Drei Tage und drei Nächte magst du bleiben. Nach dieser Frist aber bitten wir dich, weiter zu ziehen, denn wisse, dass jene, die in unserer Nähe sind, sich in ebenso großer Gefahr wie wir selbst befinden, die wir uns auf die Schlacht gegen die Mächte der Finsternis vorbereiten.

Lugh: Noch einmal Dank für deine Gastfreundschaft, König Nuada. Doch eigentlich bin ich an diesen Hof gekommen, weil ich um Aufnahme in diese Runde bitten möchte, sodass ich in der Fehde gegen die Finsternis an eurer Seite kämpfen darf.

König Nuada: Nun, das zeugt von Tapferkeit, Lugh, Ziehsohn von Tara. Doch siehe, in unserer Runde sitzen die Klügsten, Tapfersten und Geschicktesten unter den Heilern, Kriegern, Magiern und Handwerkern des Tuatha de Danaan.

Lugh: So habt ihr schon einen Schreiner, eure Schilde nach der Schlacht zu richten und neue zu schaffen?

Luchta: So so, ein Schreiner also willst du sein. Kannst du denn so wie ich Schilde machen, die allen bekannten Waffen widerstehen und Speerschäfte, welche die glühenden magischen Spitzen meines Bruders Goibniu halten ohne zu bersten?

Lugh: Meine Speerschäfte bersten nicht, selbst wenn sie die Spitzen der Sonnenstrahlen und die zuckenden Blitze ins Heer der Feinde tragen.

Doch ist dies nicht meine einzige Fertigkeit. Auch die Kunst der feurigen Bearbeitung der Metalle zu edlem Schmuck und todbringenden Waffen beherrsche ich.

Goibniu: Ein Schmied bist du auch – so sprich: vermagst du die Klumpen des Erzes, das manchmal glühend vom Himmel fällt, ebenso zu schmieden wie das weiche rote Gold, das unsere heiligenFlüsse aus den Bergen zu uns tragen?

Lugh: Ich vermag die blitzenden Waffen des Lichtes ebenso zu schmieden wie ich die zarten Ströme des roten Goldes in verschlungene Muster und mystische Gestalten zu formen vermag.

Doch sind dies nicht meine einzigen Fertigkeiten. Ebenso vermag ich die Kranken zu heilen.

Dian Cecht: So verrate mir: Kennst du die heilenden Kräfte der Pflanzen und die Geheimnisse der Heilung tiefer Wunden und gebrochener Knochen?

Lugh: Ich benenne die heilenden Kräfte der Pflanzen, ich singe die Zauber, Blut zu stillen und die drückenden Geister der neun kalten und der neun heißen Fieber, der Schwermut und der Angst zu vertreiben und Heilung zu bringen.

Doch habe ich noch andere Fähigkeiten: Ich gewinne im Zweikampf; ich kenne die geheimen Zauber; ich weiß um die Geheimnisse der Bienen, und ich beherrsche die Kunst, berauschenden Met aus süßem Honig zu machen. Ich kenne die Mythen und die Begebenheiten vergangener Zeiten zurück bis zur Erschaffung der Welten.

König Nuada: Wenn wir deinen Worten glauben schenken dürfen, so bist du ja wahrlich bewandert in allen Künsten. Zwar sitzen hier an dieser Tafel Frauen und Männer, welche Meisterschaft erlangt haben in den Handwerken, den Heilkünsten, den Kampfkünsten und in der Magie, in der Weisheit und Kunst der Worte und der Musik. Du aber willst all dies können. Nun – so beantworte mir eine letzte Frage: Wie steht es mit deiner Kunst im Fidchell, dem Brettspiel der Könige?

Lugh: Wenn Du meine Begabung auf die Probe stellen möchtest, so werde ich nicht zögern, auch hier meine Fertigkeiten unter Beweis zu stellen.

König Nuada: Wohlan, so lasset das Spiel herein bringen.

Ein Brettspiel wird hereingetragen.

Lugh und König Nuada nehmen beide einander gegenübersitzend Platz und beugen sich über das Spielbrett.

Andere Gäste des Banketts versammeln sich im Halbkreis, um der Partie zuzuschauen.

Das Brettspiel ist jetzt hinter den Bankettgästen, die dem Mysteriumspublikum den Rücken zuwenden, verborgen.

Erzähler: Schon nach kurzer Zeit hatte Lugh das Spiel unweigerlich für sich entschieden, und König Nuada hieß ihn in seiner Halle willkommen.

König Nuada: Wenn Du in allen Künsten und Handwerken zu solcher Meisterschaft fähig bist, so magst du in dieser Runde bleiben und an diesem Ort willkommen sein.

Ogma: Willkommen in unserem Clan, Lugh, neuer Gefährte. Doch sag, wie kann es sein, dass du, der du jung und mit strahlendem Antlitz erscheinst, doch offenbar so wohlbewandert in allen Handwerks-, Heil-, Kampf- und Zauberkünsten seid, dass es mehr als eines Menschen Lebenszeit braucht, um zu solcher Meisterschaft zu gelangen?

Lugh: Da du freundlich gefragt hast, soll dir Antwort zuteil werden, Ogma, Hüter der Chroniken und des Gesetzes, so höret mein Lied:

Ich bin ein Hirsch mit sieben Enden,

ich bin ein Greif auf einer Klippe,

ich bin ein Tropfen des Sonnenfeuers,

ich bin ein wilder Eber,

ich bin ein Lachs in klarem Wasser,

ich bin ein See in der Ebene,

ich bin ein Berg der Dichtung,

ich bin ein kriegsführender Speer,

ich bin ein Gott, dessen Feuerantlitz die Feinde blendet und in die Flucht schlägt.

Denn ich bin Lugh, der Strahlende, Ziehsohn der Göttin Tara.

Ich bin die Treffsicherheit im Speerwurf und Bogenschuss,

ich bin der stiebende Funke der Schaffenskraft und

die verwandelnde Gluthitze im Schmiedefeuer.

Ich bin die Waberlohe der Sehnsucht nach Schönheit und Vollkommenheit im Herzen der Harfner und Dichter.

Ich bin die Kraft in jedem Heiltrank,

ich bin die Glut im süßen Met;

ich bin die Macht in jedem Zauberspruch,

ich bin ein Gott, dessen Tatkraft die Freunde ermutigt und die Feinde erzittern lässt.

Denn ich bin Lugh, der Feurige, Ziehsohn der Göttin Tara.

Ich bin ein Strahl der Sonne,

ich bin die Flamme auf jedem Hügel,

ich bin ein Blitz und zugleich die Eiche, die er zerschmettert;

ich bin der Schild für jedes Haupt;

ich ermutige die Lanzenmänner,

ich lehre die Räte der Weisheit,

ich inspiriere die Dichter;

ich kenne das Geheimnis der Dolmen von Slieve Gullion;

ich weiß um die Tage des Sonnenmonats und die Epochen des Mondes,

die Gezeiten des Meeres und den Lauf der Nachtgestirne am Firmament;

ich bin ein Gott, der die fünf Punkte des Wissens im heiligen Orden lehrt.

Denn ich bin Lugh, der Gestaltenwandler, Ziehsohn der Göttin Tara.

Morrigan: So scheinst du ein würdiger Krieger in unseren Reihen zu sein. Doch beantworte mir diese Frage: Bist du bereit, uns zu helfen, die Harfe von Tara aus den Klauen der Finsternis zurück zu erobern?

Lugh: Ich bin bereit und sehe diese Tat als meine erste Aufgabe in den Reihen des Tuatha de Danaan.

König Nuada: So sei es denn. Lasset uns zur Ruhe gehen, auf dass der neue Tag uns frisch und gekräftigt sieht.

Die Versammelten treten ab.

Erzähler: Die Tuatha de Danaan begaben sich zur Ruhe, und in ihren Träumen hörten sie die Todesschreie der Sterbenden und die Klagen der Witwen und Waisen. Und die Schrecken der Schlacht kamen zu ihnen, und sie konnten ihnen nicht entrinnen. Denn wenn auch die Kräuterkundigen und Heilerinnen in der Halle von Tara alles in ihrer Macht Stehende taten, um die körperlichen Wunden der Verletzten zu heilen, so vermochten sie dennoch nicht, die Bilder der Kampfesschrecken zu lindern, wie dies sonst durch die magischen Klänge der Harfe von Tara geschah.

So sah der Morgen eine erschöpfte und traurige Schar, die sich bereit machte, mit der Kraft der Verzweiflung erneut jedoch nicht erneuert in die Schlacht zu ziehen.

Auftritt der Versammlung des Tuatha de Danaan

Morrigan zu Lugh: In vielen Gesichtern sehe ich Verzweiflung, in manchen sogar Furcht. Uns fehlen die tröstenden und ermutigenden Lieder der Harfe von Tara, welche das Herz erwärmen und den Geist stärken. Wie willst du diese traurige Schar zum Sieg über die Finsternis führen? Siehe – das Wirken der dunklen Mächte zeigt schon erste Früchte, indem nicht Mut und Zuversicht, sondern nur mehr der Mut der Verzweiflung die Herzen zu beherrschen scheint.

Lugh: Ich sehe, was du meinst, große Königin; doch lass mich zu jedem einzelnen Mann und zu jeder einzelnen Frau in dieser Streitmacht sprechen.

Ich verspreche Dir bei meiner Macht als Meister der Worte, dass ich den verzagten Herzen Mut einflößen und den Trauernden Trost spenden werde.

Lugh wendet sich der Versammlung zu und spricht den einzelnen Teilnehmenden leise Mut zu.

Erzähler: Und mit jeder Frau und jedem Mann aus der Heerschar des Tuatha de Danaan sprach Lugh, der Wortgewaltige. Und indem er jenen, mit denen er sprach, ihre eigenen Tugenden, Heldentaten und Fähigkeiten ins Gedächtnis rief, erinnerte er sie an ihre Kraft und ihren Mut; und so weckte er neue Zuversicht: Und am Ende dieses Tages war der Sieg auf ihrer Seite. Zurückgeschlagen waren die Kräfte der Finsternis.

Dagda, Ogma und Lug holten die Harfe von Tara in ihre eigene Festhalle zurück, und wieder erklangen die heilenden und tröstenden, die freudigen und die magischen Lieder in der Halle auf Taras grünem Hügel.

Dana: Nun sprich, Neophyth, der du dies Mysterium mit den Augen des Herzens betrachtest hast, was ist die Bedeutung der Harfe von Tara?

Neophyth: Die Harfe von Tara ist ein Symbol der Göttin selbst. Wenn die Harfe verloren ist, so ist auch die Fähigkeit zur Entwicklung, zur Freude, zur Heilung verloren.

Doch scheint mir dies nur ein Teil des Mysteriums zu sein. Möge ich weitere Belehrung durch die Große Göttin Brighidh erhalten.

Brighidh: Du hast schon erkannt, dass die Harfe mit ihren Liedern Kraft und Lebensmut spendet. Denn wer wollte schon in einer kalten Welt ohne Lieder, ohne Mythen, ohne Ideale, ohne Visionen und Phantasie leben? Die Lieder und Mythen spenden Mut zu eigenen Heldentaten; die Visionen zeigen uns unser Zuhause, die Erde als eine Heimstatt des Friedens und der Fülle für alle Lebewesen; und die Phantasie verleiht unserem Geist jene Flügel, derer wir bedürfen, um unseren Teil dazu beizutragen, ein neues Zeitalter des Friedens, der Liebe, der Weisheit und der Gerechtigkeit zum Wohle aller fühlenden Wesen zu verwirklichen. So hilft uns die Göttin, unseren Anteil und unsere Verantwortung im großen Schöpfungsplan zu entdecken und zu verwirklichen zum Wohle der Wesen.

Doch vielschichtig ist die Bedeutung der Harfe von Tara. Möge die Königin dieses Heiligen Ortes, möge Tara selbst sprechen.

Tara: Den Druiden des Westens bin ich die Königin der Grünen Insel der Seligen, ebenso wie ich für die Kinder Indiens der Leitstern auf dem spirituellen Weg bin und mich für die Bewohner des Himalaya, die den Buddhas folgen, als die erste Verkörperung tätigen Mitgefühls offenbare.

In diesen Zeiten der Vedunkelungen des Geistes bin ich die Beschützerin und Seelenverbündete all jener, die nach der Verwirklichung von Weisheit, Klarheit, Achtsamkeit und Mitgefühl streben.

Wenn ich tanze, zerstöre ich die Fesseln der Ängste und der falschen Vorstellungen.

Die heilenden Klänge meiner magischen Harfe erklingen im Gezwitscher der Singvögel, im Rauschen der Wellen und der Baumkronen, im Lachen der Liebenden und in den Mantragesängen der Betenden.

Wisset – durch Klang wurde das Universum erschaffen. Im Vibrieren der heiligen Mantras erfahren die Suchenden Einheit mit mir, der Göttlichen Quelle.

Als ich es zuließ, dass die Mächte der Finsternis sich die Harfe geholt haben, so geschah dies nur, um auch ihnen die Chance zu geben, den Zustand der Stagnation, welcher sie in der Finsternis von Angst, Gier und Dummheit verharren lässt, zu überwinden. Doch da sie die Harfe nur als Objekt sahen, zu welchem ihnen ihre Gier verholfen hatte, musste das Instrument der Heilung für sie schweigen.
Mein Tuatha de Danaan aber, die ihr stets erpicht auf Fehden und Raubzüge gewesen seid, ihr hattet schon beinahe vergessen, in welchem Leid all jene gefangen sind, deren Ohren nicht den Klang der Harfe von TirnanOg vernehmen dürfen. Darum war es ein heilsamer und reinigender Prozess, dass euch die Harfe genommen wurde. Denn so konntet ihr das entwickeln, was euch zu Eurer göttlichen Vollkommenheit gefehlt hat: Wertschätzung für die göttlichen Gaben und Achtsamkeit und Mitgefühl für jene, deren Geist weniger entwickelt ist als der eure.

Priester/in: Wir danken der Göttin für die Einsichten, die sie uns geschenkt hat. Lasset uns nun über das Mysterium der Harfe von Tara meditieren.

Stille Meditation oder Trancereise.

Priester/in: Gefährtinnen und Gefährten, lasset uns nun miteinander teilen, was wir in der Meditation erlebt haben.

Austausch von Berichten. Dank an die Gottheiten