Die Geschichte von der alten Näherin
Ich weiß nicht mehr so genau, ob es lange oder nicht so lange her ist, da lebte die alte Renate im Mömkebachtal. Als kinderlose Witwe verdiente sie ihr Geld damit, Näh- und Flickarbeiten auszuführen, denn die alte Renate besaß die einzige Nähmaschine im Mömkeland. Nein, Elektrizität gab es natürlich nicht im Mömkeland. Renates Nähmaschine war so ein von einem Pedal betriebenes Ding, das ähnlich wie ein Spinnrad durch einen Keilriemen angetrieben wurde. Niemand weiß genau, wie die alte Renate in den Besitz dieser Kostbarkeit gekommen war. Aber fest stand, dass sie so, trotz ihrer von Gichtknoten krummen Finger ihren Lebensunterhalt fristen konnte. Denn die kleine spitze Nadel, vom Fußpedal betrieben, durchstach mühelos die schwere gefilzte Wolle der Winterkleidung ebenso wie das dicke Leinen- und Hanfgewebe, aus dem die Arbeitskleidung der Mömkelandbewohner gefertigt war.
So zog die alte Renate ihren Handkarren, bepackt mit Garn, Nadeln, Knöpfen, Haken, allerlei Flicken und der schweren Nähmaschine Jahr für Jahr auf den alten Wegen durch den Mömkewald und das Mömkebachtal und besserte dort eine Jacke, hier einen Mantel und da ein paar Hosen aus. Ihr Lohn war bescheiden; und nur selten leisteten sich die Mömkelandbewohner ein ganz und gar neues Kleidungsstück. Denn jene, die sich häufig neue Kleider kauften, wohnten in der Stadt, wo die alte Renate mit ihrem Handkarren niemals hinkam. Doch selbst wenn sie in die große Stadt gekommen wäre, so fehlte ihr die äußere Eleganz, derer es bedarf, um Kleider zu verkaufen. So einer Alten, der kaufte man höchstens ein paar Kräuter ab.
Doch wäre die alte Renate niemals auf die Idee gekommen wäre, ihre Dienste in der Stadt anzubieten. Wenn sie einmal nicht durch das Land zog, was selten genug war, dann lebte sie in einer kleinen Kate im Mömkebachtal und ging dort ihrer Arbeit nach.
So saß sie eines Abends noch spät bei Kerzenschein dabei, einige Flicken zuzuschneiden, während die Frühlingsstürme tosend und pfeifend an Tür und Fensterladen ihrer kleinen Kate rüttelten. Da erklang plötzlich hinter ihr ein leises Klingen wie von dutzenden feiner, winziger Glöckchen.
Renate fuhr herum, um sich einer etwa drei Fuß großen weiblichen Gestalt gegenüber zu sehen, die ganz und gar grün gekleidet war. Über einem Kleid aus grünem zart glänzendem Stoff trug sie einen Kapuzenumhang aus einem ebensolchen grünen Tuch, nur jetzt mit rotgoldenen Fäden strahlend durchwirkt.
Die kleine Gestalt neigte, wie um eine leichte Verbeugung anzudeuten, den Kopf und redete die ob des unerwarteten Besuches recht irritierte Näherin folgendermaßen an: „Sei gegrüßt, Mutter aller wärmenden Gewandungen und verzeih, dass ich dich zu so später Stunde aufsuche. Ich bin Weißlinde Wurzelgrün, und du bist du die Einzige, die mir in meiner Lage helfen kann!“
Während Renate noch immer mit offenem Munde staunend die kleine Besucherin anstarrte, zog diese umständlich ein Bündel Stoff aus den Falten ihres Gewandes hervor.

„Sieh nur, was für ein Missgeschick mir geschehen ist!“ Sie breitete einen zierlichen grünen Kapuzenmantel, ähnlich dem eigenen, aus und wies mit zerknirschter Miene auf den Saum, oder besser auf das, was davon noch übrig geblieben war. Denn deutliche Brandspuren wiesen darauf hin, dass nachlässige Hände dieses gute Stück viel zu nahe am Feuer platziert hatten. „Morgen schon will Ihre Majestät, unsere Königin, zu ihrer alljährlichen Frühlingsreise aufbrechen, und heute habe ich ihren Reisemantel gewaschen und wollte ihn trocknen. Doch da tanzten die Sylphen, diese launischen Windgeister ihren ungestümen Frühlingsreigen um mein Feuer herum. Hoch schlugen da die lodernden Flammen.
Kichernd hoben die windigen Ungeister sich hinweg, und helle Funken hatten den Mantel erfasst, der dort zum Trocknen hing.
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