Der Spökenkieker und die Hexe
Ich weiß nicht mehr so genau, ob es lange oder nicht so lange her ist, da lebte am Rande des Mömkebachtales eine wohlhabende Witwe mit ihrem Sohn. Die Witwe hieß eigentlich Gertrud, doch wurde sie von allen nur die „Alptrud“ genannt, weil sie ebenso reich wie missgünstig war und niemandem Gutes wünschte.
Ihr Sohn war der dicke Henning. Eines Tages, als der dicke Henning wohl schon mehr als 19 Jahre alt war, da hielt die Mutter ihn an, sich doch nun eine Stelle zu suchen wie andere junge Männer in seinem Alter dies schon längst getan hatten.
Zu Lohn und Brot gekommen würde sich wohl auch bald eine junge Braut für ihn einfinden, welche der alten Alptrud in der Wirtschaft zur Hand gehen sollte.
So machte der dicke Henning sich auf und fand alsbald Arbeit auf dem Quellschluchthof. Doch zeigte er sich wenig interessiert an seinen Aufgaben. Vielmehr suchte er Streit mit den anderen Knechten und belästigte die Mägde. Ja, schließlich wurde er sogar des Stehlens überführt. Das war sogar dem gutmütigen Quellschluchtbauern zuviel, der den dicken Henning darauf zu seiner Mutter zurück schickte.
Der Henning aber schrie und schimpfte, fluchte und drohte endlich dem Bauern, dass dieser es noch bereuen würde, den Henning vom Hofe gewiesen zu haben. Der Quellschluchtbauer lachte nur über diese Drohung und erwiderte, dass es ihn höchstens gereue, den faulen, dicken Henning überhaupt auf seinem Hofe angestellt zu haben.
Doch kaum, dass sich die abnehmende Mondsichel in ihrem letzten Viertel zeigte, da begann des Bauern bestes Pferd zu kränkeln. Keine Medizin, kein Arzt, keine Heilkur aus dem großen Schatz der Hausrezepte wollte helfen. Als die Schwarzmondnacht vergangen war, da fand man das arme Tier tot im eigenen blutig Erbrochenen im Stalle liegen. Schon wurde auf dem Hof gemunkelt, dass dies wohl nicht mit rechten Dingen zugegangen sei.
.......
Der Mond nahm zu und wurde voll. Doch sowie der Vollmond in die abnehmende Phase ging, ......
Nun fiel dem gottesfürchtigen Mann nichts Besseres ein als den Pfarrer aufzusuchen.
....... letzterer glaubte keineswegs an die Macht böser oder sonstiger Geister.
Wohl aber lockte ihn die Aussicht auf das dem Exorzismus folgende zweifelsohne reichhaltige Mahl sowie die Würste für den Heimweg.
.............
Nach der Sonntagspredigt ließ er sich in der Kutsche, die von den vier verbleibenden Pferden des Quellschluchthofes gezogen wurde, zur Stätte seines erwarteten Wirkens bringen.
..........
Nachdem endlich die letzte Schüssel mit süßem Beerenkompott abgeräumt war, rieb sich der Pfarrer Gottfried Jesuweit die Hände, rieb sich die Hände und erhob sich mit einem „Dann wollen wir mal“ von der Essbank.
Sodann ...
...
Nach allerlei Weihwasser verspritzen, Weihrauchgeschwinge und lateinischem Gemurmel verließ man den Pferdestall wieder.
Dem Pfarrer mundeten die solcherart als Zubrot leicht verdienten Würste. Das zweite Pferd starb kurz vor Neumond.
.......
Urdwart der Köhler war, wie die alte Renate versicherte, solch ein Spökenkieker.
.....
Doch war man sich nicht ganz sicher, ob der Köhler nicht seine sonderbare Gabe des Geistersehens einem Bund mit ganz anderen Mächten als den öffentlich anerkannten himmlischen zu verdanken hatte.
......
Ja, es war offenbar, Urdwart der Köhler sprach mit dem Mömkes, den Moosweiblein, den Wassergeistern und der Herr allein weiß mit wem sonst noch….
Apropos Herr…Wenn Urdwart ein „der Herr sei mit uns“ sprach und sich unbeobachtet wähnte, dann pflegte er sich bei diesem Ausspruch nur selten zu bekreuzigen. Lag da nicht die Vermutung nahe, dass der Köhler mit dem „Herrn“ nicht etwa den am Kreuze meinte? Wandte er sich nicht in diesem Ausspruch viel eher an jenen uralten Waldgott mit dem Hirschgeweih, der doch auch mit „Herme“, eben „Herr“ in der alten Mömkewaldsprache angeredet wurde, wenn man ihn um Schutz und Segen bat?
Doch zurück zum Quellschluchthof. .....
![]()