Das verschwundene Hümmelchen

Ich weiß nicht mehr so genau, ob es lange oder nicht so lange her ist, da lebte im Mömkebachtal auch der Sackpfeifer Johannes, den alle nur Jan den Pfeifer nannten.

Denn dieser Jan verstand es wie kein Zweiter, dem Hümmelchen die schönsten Lieder und Tänze zu entlocken. Das Hümmelchen ist, wie ihr vielleicht wisst, ein kleiner Dudelsack, der brummende Obertöne verursacht und genau diesen auch seinen Namen verdankt.

Mit des Spielmanns Hümmelchen aber hatte es seine ganz besondere Bewandtnis. Denn Jan hatte als Sonnwendkind und siebter Sohn eines siebten Sohnes die besondere Gabe, mit den Mömkes, den Hollen und anderen Unsichtbaren auf gutem Fuß zu stehen.

So hieß es, dass der Pfeifer auf seinem Hümmelchen die vier magischen Melodien der Freude und der Trauer, des Schlafes und des Weges zur Anderswelt zu spielen vermochte. Diese Gabe hatten ihm zweifelsohne die freundlichen Hollen verliehen; darüber waren sich die Menschen im Mömkeland einig.

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Es war nahe Mitternacht, und der Spielmann schritt schneller aus. Er hoffte, diese unheilvolle Landschaft bald hinter sich gelassen zu haben. Da übermannte ihn eine unüberwindbare Müdigkeit. Mit jedem Schritt wurden seine Glieder schwerer und schwerer. So beschloss er, eine kurze Rast einzulegen. Kaum hatte er sich am Stamme einer alten Weide, die an einem der kleinen Tümpel wuchs, niedergelassen, da war er auch schon tief und fest eingeschlafen. Erst als die Morgensonne ihre ersten wärmenden Frühlingsstrahlen über Sumpf und Heide erstrahlen ließ, da erwachte der Pfeifer.

Jan erhob sich halb, reckte die von der Feuchtigkeit steifen Glieder und griff neben sich, wo er sein Instrument am Abend abgelegt hatte. Doch, oh Schreck! Das Hümmelchen war verschwunden. Jan suchte den ganzen Platz unterhalb der Weide und rund um den Tümpel ab. Nichts! Der Musikant lief den ganzen Weg zum Hof zurück, wo er am Vortage seinen Auftritt gehabt hatte. Nein, er habe sein Hümmelchen gewiss nicht dort zurück gelassen, versicherten ihm die Hofbewohner. Seine letzte Hoffnung zerschlug sich.

Was sollte er nun tun?

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Das Lohfräulein, denn natürlich handelte es sich um ein solches, richtete freundlich das Wort an den irritierten Jan.

Ich kenne den Grund für deine Traurigkeit. Zwar kann ich dir nicht sagen, wo dein Hümmelchen ist. Dennoch gibt es keinen Grund zu verzagen. Es mag noch eine letzte Hoffnung geben. Frage den Hüter. Am Jägerstein wirst du ihn sicher finden.“

Jan hatte wenig Hoffnung. Doch welcher Mann lässt sich nicht gern von einer betörenden Erscheinung zu Handlungen wider jede Logik überreden?! Und unser Pfeifer hatte ja auch kaum eine andere Wahl.

So bedankte er sich freundlich bei dem Lohfräulein und machte sich auf den Weg zum Jägerstein.

Der Jägerstein hatte seinen Namen von der Vorstellung, dass an diesem Ort der Wilde Jäger umgehe. Auch wollte manch ein Wanderer, der hier eine Rast eingelegt hatte, Getrappel von galoppierenden Pferdehufen und wüstes Hundegebell vernommen haben, welches aus den Wolken über ihm zu kommen schien. So meinten viele, dass es am Jägerstein ebenso wenig geheuer sei wie in der öden Heide.

Doch als einer, der mit der Anderswelt auf gutem Fuße steht, wusste Jan, dass der Wilde Jäger ebenso der Hüter mit dem Hirschgeweih, der Schamane und der Herr des Tanzes ist.

Und als Herr des Tanzes musste ihm doch eigentlich daran gelegen sein, dass im Mömkeland wieder tüchtig getanzt wurde – aber dazu musste die zauberische Sackpfeife erklingen. Denn ohne deren Zaubermelodien wollten die Menschen im Mömkeland sich nicht recht zum Tanzen und Singen durchringen. Andere wandernde Spielleute hatten sich schon oft über die mangelnde Launigkeit der Mömkelandmenschen beklagt und sogar das Gerücht in die Welt gesetzt, dass man im Mömkeland zum Lachen in den Keller ginge.

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Solcherlei Gedanken im Kopf erreichte unser Spielmann schließlich den Megalithen, der einsam als letztes Überbleibsel eines uralten Steinkreises in den Himmel ragte. Die Abenddämmerung tauchte den Jägerstein und die Landschaft ringsum in verzauberndes Zwielicht. Schon verklang das Lied der Lerche und der Amsel. Die ersten Sterne zeigten sich am Himmel. Endlich fasste Jan sich ein Herz. Dreimal klopfte er an den Stein und intonierte mit seiner volltönenden schönen Stimme:

Herme, Hüter mit dem Hirschgeweih, Herr der Wälder, komm´ herbei

Zu einem Freund am Jägerstein, wie seit alter Zeit. So soll es sein!“

 

Erschrocken über den eigenen Mut der Verzweiflung schloss der Musikant die Augen und wagte kaum Luft zu holen. Einen Augenblick lang schien es dem Pfeifer als stehe die Zeit still. Nichts geschah, und die ganze Natur schien mit ihm den Atem anzuhalten.

Als Jan die Augen wieder öffnete,.......

 

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