Das Mysterium vom Shambhala des Herzens

Von Hamsadevi

Szene 1

Eine Klausnerhütte in den Bergen. Ein tibetischer Einsiedler, Mipam, sitzt vor der Hütte und studiert eifrig die Schriften.

Erzähler: Seht, da sitzt Mipam, der große Schriftgelehrte. Eifrig studiert er die Sutras und die Tantras , die Belehrungen des Buddha und seiner Lieblingsschüler. Er folgt allen Vorschriften, und beispielhaft ist seine Meditationspraxis. So hingegeben ist er den Studien, dass seine Ohren nicht mehr offen sind für den Gesang der Vögel, und seine Augen nicht mehr die spielenden Murmeltiere vor seiner Hütte sehen. Seine Nase riecht nicht mehr den Duft der Blumen, und auch das Lied des Windes, der in der Nacht um seine Klausnerhütte streift, ist für ihn bedeutungslos geworden.

Mipam: Ich werde ein großer Weiser sein - wenn ich das nicht sogar schon bin. Die Menschen fragen mich um Rat; die Gelehrten wünschen meine Erläuterungen zu den Heiligen Schriften. Ich weiß es genau, eines Tages wird man mich in ganz Tibet, ja, auf der ganzen Welt, "Mipam, den Weisen, den Allergelehrtesten, den Großmeister der geheimen Tantras" nennen. Natürlich ist das eigentlich ganz bedeutungslos - dennoch, ich weiß, was ich kann.

Er wendet sich wieder seinen Schriften zu. In der Ferne erscheint eine alte Frau. Sie kommt auf die Hütte zu und stellt sich vor Mipam hin. Sie ist schmutzig und ärmlich gekleidet. Ihr Haar ist zerzaust, und sie kratzt sich häufig. Sie beginnt vor Mipam Grimassen zu schneiden, doch er ignoriert sie. Sie stupst ihn an. Mipam ignoriert sie weiter.

Alte Frau: Verstehst Du überhaupt, was du da liest?

Mipam versucht seinen Ärger über diese Störung nicht zu zeigen, ist jedoch aufgebracht, was man an seinem Gesicht deutlich erkennen kann. Schließlich patscht die Alte mit ihren Schmutzfingern auf die heilige Schrift, die er gerade liest.

Alte Frau: In Wirklichkeit verstehst Du überhaupt nichts von dem, was Du gerade liest!

Mipam, überaus verärgert: Du böses altes Weib! Wie kannst Du es wagen, meine Ruhe zu stören, die Heiligen Schriften der Weisheit zu beschmutzen und mich auch noch zu beschimpfen. Weißt Du nicht, wer ich bin?! Ich bin Mipam, den alle Welt den "Weisen Mipam" nennt, den "Frommen Mipam", den "Sehr verdienstvollen Mipam"! Meinetwegen nimm dir ein wenig Zsampa aus dem Topf und trinke eine Schale Tee. Doch halte Ruhe und störe mich nicht länger bei meinen Betrachtungen! Dann ziehe deines Weges, so werde ich, vom unendlichen Mitgefühl geleitet, bereit sein, dein unbotmäßiges Verhalten zu übersehen!

Alte Frau: Und ich sage es wieder und wieder und wieder; Du hast überhaupt nichts von dem verstanden, was Du da gerade liest.

Wieder patscht sie auf die Schrift, die vor Mipam liegt, und beginnt wild zu lachen.

Mipam, sehr wütend: Aber du! Du hast das alles verstanden, ja?!

Mipam, halblaut zu Publikum: Oh Leid, oh Graus, oh Anhäufung von Karma, durch welche ich dieses zerrupftes Huhn aus dem Abgrund der Hölle angezogen habe! Doch kann ich nicht gerade durch das Bestehen solcher Prüfungen Verdienst ansammeln?!

(Er seufzt und wendet sich gequält wieder der Alten zu.) Diese tanzt einen wirbelnden Tanz und verwandelt sich dabei in eine Dakini . Tanzend und lachend beginnt sie, sich zu entfernen. Mipam sieht sehr betreten drein.

Mipam: Oh nein, eine Weisheitsdakini; ich Esel. Warte, komm zurück, es tut mir leid!

Mipam folgt der Dakini eilig und kriegt sie schließlich an ihrem Gewand zu fassen.

Mipam: Ich lasse dich nicht eher los, bis du mir Belehrungen erteilt hast, und wenn Du mich durch den ganzen Himalaya schleifst! Bitte verzeih mir meine Blindheit! Bitte belehre mich. Was habe ich nicht verstanden? Wie kann ich die Fessel der Dummheit abstreifen, die scheinbar noch immer einen Teil meines Geistes gefangen hält?

Alte Frau: Erstens: lerne, zu sehen. Noch schaust du nicht mit den drei Augen. Denn noch trübt die Summe der Konditionierungen deine Wahrnehmung. Und so resultieren aus der getrübten Wahrnehmung falsche Urteile und daraus folgend leidbringende Handlungen. Das hast du schon unzählige Male gelesen und immer noch nicht kapiert. Nur mit dem Verstehen des Herzens erkennst du die Wahrheit in diesen Lehren und damit das wahre Wesen der Erscheinungsformen. Der analytische Verstand allein ist wie das Messer des Mörders. Denn das Messer kennt doch nicht das Wesen, welches es zerlegt, obwohl es in seinem Blute badet.

Mipam (mit angewidertem Gesicht): Das Töten anderer Wesen ist ein großes Vergehen. Denn auch die Tiere und sogar unsere Feinde - sie alle sind unsere Weggefährtinnen und -gefährten auf dem Weg zur Buddhaschaft! Ich bin ein Mann des Friedens, außerdem bin ich Vegetarier und ich gebe Almosen.

Alte Frau: Ich sage ja, Du hast überhaupt gar nichts verstanden! Sehe ich die Freude in deinem Gesicht, wenn Dich morgens die Vögel mit ihren Liedern wecken? Nein - denn das einzige, was Du hörst, sind die Stimmen, die in deinem Inneren diskutieren, das unablässige Erwägen von Für und Wieder, von These und Antithese, von Ursachen und Wirkungen, blablabla blablabla. Wahrlich, Du hast fleißig gelernt - schließlich willst Du ja auch der größte Gelehrte der ganzen Welt werden. Aber das allein reicht nicht! Denn das Wahre Wesen der Buddhaschaft wirst Du nie durch die Schriften allein begreifen. Und mit deiner eifrigen und gewissenhaften Praxis kannst Du zwar durch die Kraft der Mantren und Visualisationen zur Befreiung der Lebewesen beitragen. Doch hat Dir all deine Meditation und all deine Zauberpraxis nicht das Tor zum inneren Verstehen geöffnet.

Mipam, kleinlaut: Naja - wahrscheinlich hast Du recht. (etwas sicherer)Man könnte natürlich darüber diskutieren, wie das innere Verstehen auf dem Weg der Buddhaschaft zu definieren ist, inneres Verstehen wovon und die Definition sowohl des "Inneren" als des "Verstehens", sowie einem Vergleich der Schriften, die sich hierauf beziehen ....

Alte Frau (fällt ihm ungeduldig ins Wort): Was ist was? Was ist innen, was außen? Was ist Illusion, was ist "wahr"?

Das Leben, mein Junge, kommt seit Anbeginn der Ewigkeit ohne solche Erwägungen aus. Die Blumen wachsen, die Vögel singen, und alle Wesen erfreuen sich am Augenblick, am Hier und Jetzt, ohne danach zu fragen, ob sie morgen tot sind, oder ob der Buddha dieses oder jenes gemeint haben könnte. Du magst das Sorglosigkeit oder sogar Dummheit und Blindheit nennen. Ich nenne es Lebensfreude.

Mipam guckt immer irritierter.

Alte Frau: Ja - ich sehe schon, du kapierst es einfach nicht! Jedenfalls nicht so. Doch weil ich erkenne, dass in deinem Herzen Mitgefühl und Güte, Liebe und Entschlossenheit, vor allem aber Tapferkeit, Mut und der unzerstörbare Wille nach Befreiung für alle Lebewesen wohnt, sollst du das Mysterium der Freude erkennen. Doch sag selbst, hast Du die Tapferkeit, falsche Vorstellungen zu opfern? Hast Du die Demut, dich neuen, unbekannten Erfahrungen zu öffnen? Und hast Du den Mut, nichts abzulehnen, nur weil es dir unbekannt ist und fremdartig erscheint?

Mipam (eifrig nickend): Ja, ja, ja, ich will alles tun, um Einsicht zu erlangen und neue Siddhis den bereits vorhandenen hinzu zu fügen!

Alte Frau: Darum geht es nicht! Du kannst unzählige Siddhis ansammeln - und doch mag dein Geist umnebelt bleiben vom Gespinst der falschen Vorstellungen. Vielleicht kannst du schneller laufen als ein Vogel fliegt. Doch hast du jemals wirklich gelauscht auf die Weisheit im Lied der Vögel, welches so oft den Leidenden Trost und Hoffnung und manchem Kranken Heilung spendet! Wenn es dir gelingt, die Reise zu überleben, die vor Dir liegt, wirst du ein neues Verständnis für das vielfältige Wesen der Erscheinungsformen entwickelt haben.

Mipam, schaut missmutig: Eine Reise? Kannst Du mir die Belehrungen denn nicht hier geben? Aber nun gut, wenn es sein muss. Dem wahren Suchenden ist ein Ort wie der andere, solange er nur ein ruhiges Plätzchen zur Meditation findet!

Alte Frau: Oh, mit den ruhigen Plätzchen wird es wohl nun zunächst einmal vorbei sein! Willst Du trotzdem die Mühen und Gefahren auf dich nehmen, die auf dich warten?

Mipam nickt eifrig.

Alte Frau: Also höre zu, sei aufmerksam, und unterbrich mich nicht. Weit nach Nordwesten führt dich dein Weg. Du wirst vielen verschiedenen Geistern und Wesen begegnen, die du nie zuvor gesehen hast. Die Erscheinungsformen mancher dieser Wesen sind über alle Maßen schrecklich anzusehen, und manche von ihnen werden dir drohen, andere werden dich locken, manche werden dich locken und dir drohen, wenn du ihren Lockungen nicht folgst. Doch ich warne dich eindringlich: sei standhaft!

Du wirst Hunger und Durst erleiden, doch nimm auf deinem Weg nichts an von irgendeinem Wesen, selbst wenn es sich dir in freundlicher Absicht zu nähern scheint. Wisse, mein Sohn, wenn Du auch nur einen Bissen zu dir nimmst oder einen Schluck Wasser von ihnen , oder die Wesen beachtest, oder wenn du dich gar dazu verlocken lassen solltest, mit ihnen zu disputieren, dann bist du verloren, und dazu verdammt, viele Kalpas lang in den Zwischenreichen herum zu irren, wie eine verzweifelte Schwalbe, die ihr Nest im Sturm verloren hat, als ein Reisender, der nicht nur den Weg verloren hat, sondern auch sein eigentliches Ziel vergessen hat. Dann ist die einzig verdienstvolle Handlung, die dir in diesem Leben noch übrig bleibt, dass du den Tieren der Wildnis mit deinem verrottenden Kadaver Futter spendest.

Also beherzige meinen Ratschlag, und folge deinem Weg, den ich dir zum Juwelenpalast meiner Schwester weise, ohne dich ablenken zu lassen. Meine Schwester wird dir Rätsel aufgeben. Bedenke wohl deine Antworten! Damit du deinen Weg findest und nicht ohne Schutz bist, gebe ich dir ein machtvolles und geheimes Mantra. Dieses sollst du die ganze Zeit sprechen. Nicht im Schlaf noch im Wachzustand, weder angesichts von Gefahren und Anstrengungen, noch angesichts von verkörperten Wünschen und Verlockungen darfst du aufhören, dieses Mantra zu sprechen, zu denken, zu fühlen und eins mit ihm zu sein! Nur so hast du eine Chance, diese Pilgerreise unbeschadet zu überstehen. Hier ist das Mantra: Om... ! Sprich mir nach!

Mipam und Alte Frau intonieren dreimal das Mantra gemeinsam.

Alte Frau (legt Mipam, der noch immer das Mantra intoniert, ihre Hand auf die Schulter): Und jetzt geh!

Mipam macht sich auf den Weg.

Vorhang

Szene 2

Erzähler: Die Sonne war gerade dabei unterzugehen, und Mipam machte sich auf den Weg. Denn er wusste, dass es nicht die Nacht mit ihren Gefahren war, die ihm hätte schaden können, weil er Folge seiner geistigen Übungen das Siddhi erlangt hatte, in der Dunkelheit ebenso gut zu sehen wie bei Tage. So wanderte er viele Meilen in Richtung Nordwesten. Er überquerte reißende Bergbäche und tiefe Schluchten mit einem einzigen Sprung. Die Sterne strahlten am Himmel, und die Silberschale des Mondes Tages leuchtete und ließ den Schnee auf den Gipfeln und unter Mipams Füßen wie einen von reinen Silberfäden gesponnenen Teppich erscheinen. Immer einsamer und immer stiller wurde die Umgebung, durch die Mipam wanderte.

Hier gab es keine Karawane von Pilgern, keine einsamen Wanderer außer ihm. Sogar die wilden unerschrockenen Räuberclans mieden diese unwirtliche Landschaft, in die sich nie zuvor ein Reisender aus dem Reich der Menschen verirrt hatte. Viele Tage und Nächte wanderte Mipam, unablässig sein Mantra singend, unbeeindruckt von Eisdämonen, deren klirrenden Kälte ihm nichts anhaben konnte, denn lange hatte er die Tumo-Praxis, das Wissen um die Geheimnisse des inneren Feuers geübt und verwirklicht.

Frost-Tanz der Eisdämonen

Die im dichten Schneegestöber tanzenden Berggeister versuchten mit immer dichter fallendem Flocken den kaum handbreiten Bergpfad zu verbergen und Mipam zu falschen Schritten am steilen Abgrund zu verlocken, um damit unwiederbringlich seinen Sturz in unermessliche Tiefen zu bewirken. Doch Mipam folgte unbeirrbar seinem Weg, der durch die Kraft des Mantras, das ihm die Dakini gegeben hatte, trotz Kälte, Nebel und Schneegestöber klar vor ihm lag.

Schneeflocken-Tanz der Berggeister

Hunger verspürte er nicht; und seinen Durst stillte er, indem er gelegentlich einen Eiszapfen von einem der Felsüberhänge abbrach und diesen in seinen vom Tumo erwärmten Handflächen schmolz. Allmählich hatte er eine Höhe erreicht, in der nichts als die Stille des Alls ihn umgab. Weit über Täler und Gipfel schweifte sein Blick in die Ferne. Da fiel sein Blick ins Tal.

Er sah auf eine wunderschöne Stadt - oder war es eine verborgene Klostersiedlung, die sich dort an einem fröhlich dahinplätschernden Wasserlauf entlang zog? Die Sonne stand freundlich am Himmel; und Menschen, die aus der Höhe klein wie Punkte waren, liefen geschäftig zwischen den Gebäuden hin und her. Ach - wie gern hätte Mipam hier ein wenig gerastet. Die Erinnerung an eine kräftige Mahlzeit hätte ihn beinahe von seiner Meditation abgelenkt.

Doch Mipam schritt auf dem schmalen Pfad weiter, der nur als schmales Band und nur für ihn zu sehen war und in jenem lichten Blau leuchtete, welches entsteht, wenn die aufgehende Mondsichel mit ihrem Silberlicht das ewige Eis der höchsten Gipfel erstrahlen lässt. Und dieser Pfad führte weit, weit an der geheimnisvollen Ansiedlung vorbei. Da - einige der kleinen Punkte im Tal kamen auf ihn zu und wurden schnell größer. Sie näherten sich Mipam mit großer Geschwindigkeit. Doch Mipam schritt entschieden voran.

Einige phantasievoll gekleidete Gestalten mit den Insignien von Würdenträgern nähern sich Mipam. Als sie ihn schließlich erreicht haben, fallen sie demutsvoll vor ihm nieder und versperren ihm so den Weg.

1. Würdenträger: Oh, Mipam, großer Weiser. Endlich hast Du zu uns gefunden. Bis zu diesem verborgenen Tal ist dein Ruf gedrungen. Deine Ankunft haben die Orakelpriester der Stadt schon vor langer Zeit prophezeit. Halte ein in deinem raschen Lauf und höre, was wir dir zu sagen haben.

2. Würdenträger: Komm zu uns, und leite unsere jungen Leute im Studium der Schriften an, dann wirst du auf ewig als der Weiseste unter den Weisen gepriesen sein.

3. Würdenträger: Von überall her werden Reisende in unsere Stadt kommen, um zu deinem Füßen ihren Platz einzunehmen und die Juwelen deiner Belehrungen in alle Welt zu tragen, was deinen Ruhm noch mehr mehren wird. Mipam beachtet die Würdenträger nicht und geht weiter, immer sein Mantra singend.

Erzähler: Es fiel dem armen Mipam zunächst nicht leicht, diesen Verlockungen zu widerstehen. Denn wie ihr wisst, war er sehr stolz auf sein Wissen um die Schriften und Gebote. Tapfer schritt er weiter und versuchte dabei, auf dem ohnehin schmalen Grad nicht auf die vor ihm liegenden Bittsteller zu treten und um sie herum zu gehen. Denn es gilt in Tibet als sehr unhöflich, einfach über einen anderen hinweg zu klettern als sei dieser ein im Wege liegender alter Besenstiel. Und kaum hatte er den letzten der drei Würdenträger hinter sich gelassen, als die ganze Stadt im Tal sich in Nebelschwaden auflöste. Und auch die drei Würdenträger waren verschwunden. Da wusste Mipam, dass er die erste Prüfung bestanden hatte.

So setzte er seinen Weg auf dem schmalen Band fort, das ihm, noch immer bläulich leuchtend, den Weg wies, während es sich an Felswänden und über schmale Bergpfade dahinschlängelnd, in die Höhe zog. Er war schon sehr erschöpft.

Da plötzlich hörte er Kichern und Lachen, scherzende Frauenstimmen in der Nähe. Und die Luft war erfüllt vom Duft des wilden Jasmin und anderer geheimnisvoller süß duftender Essenzen, die er nie zuvor gerochen hatte. Leise Musik klang verlockend in seinen Ohren, und vor ihm stiegen Bilder von behaglich eingerichteten Zelten und mit duftenden Speisen gefüllten Schalen auf. Doch Mipam verbannte mit der Kraft seines wohlgeschulten Willens diese Gaukeleien und beschleunigte mit festem, entschlossenen Schritten sein Tempo. Dabei intonierte er weiter das Mantra ohne sich auch nur einen einzigen Augenblick lang ablenken zu lassen. Doch was war das?

Drei wunderschöne Frauen versperrten ihm jetzt den Weg.

1. Frau: Sei gegrüßt, mächtiger Mipam, großer Weiser und Magier! Es wäre uns eine große Ehre, wenn du uns mit deiner Gesellschaft erfreust. Wir haben köstliche Speisen für dich zubereitet, und jede von uns wäre hoch geehrt, ihre Schlafstatt mit dir teilen zu dürfen.

Sie sieht die anderen beiden Zustimmung heischend an.

1. Frau: Nicht wahr, liebe Schwestern?!

2. Frau (kichernd): Wir teilen auch gern alle drei die Schlafstatt mit dir.

Alle drei: Wir beißen schon nicht!

Mipam singt weiter sein Mantra und versucht gleichzeitig, auf dem schmalen Bergpfad an den drei Frauen vorbei zu kommen.

1. Frau: Er missachtet uns.

2.Frau: Er hat wohl Angst, sonst mit dieser Dakini Ärger zu bekommen.

3.Frau: Das soll er uns büßen!

Alle drei verwandeln sich in kreischende Berggeister, die Mipam nun schubsen und versuchen, ihn in die Tiefe zu stoßen.

1.Berggeist: Wir werden dich zerreißen - ratsch, ratsch, ratsch!

2.Berggeist.: ....deine Knochen im Abgrund zerschmettern und ihr Mark aussaugen - kracks, kracks, kracks, schlürf, schlürf, schlürf!

3.Berggeist:..und deine Eingeweide zum Frühstück verspeisen - schmatz, schmatz, schmatz!

Mipam singt sein Mantra und weicht ihnen geschickt aus. Er verschwindet in der Ferne.

Wütender Tanz der Berggeister

Als Mipam außer Sichtweite ist, hören sie auf zu tanzen und unterhalten sich.

1. Berggeist: Tapfer ist er ja!

2.Berggeist:...und mutig auch!

3.Berggeist: Dabei haben wir uns solche Mühe gegeben, ihn zu erschrecken und abzulenken vom kristallblauen Weg zum Palast der Dakini der Weisheit.

1.Berggeist: Noch ist er nicht an den ruhelosen Geistern der westlichen Scheinheiligkeit und an den Naga-Wächtern des Palastes vorbei gekommen!

Alle drei schauen in die Ferne, dorthin, wo Mipam verschwunden ist.

Vorhang

Szene 3

Erzähler: Mipam folgte weiter dem kristallblauen Band, das ihn zum Ziel seiner Wünsche bringen sollte und das niemand außer ihm sehen konnte.

Und es war, als würde jede der bestandenen Prüfungen, jede der überwundenen Versuchungen ihm zusätzliche Kraft verleihen für den mühevollen Weg, der noch vor ihm lag. So schritt er tapfer voran, und immerzu sang er sein Mantra, ohne Unterlass und ohne auch nur einen Augenblick inne zu halten. Denn er wusste, dass in den entlegenen Reichen, die er jetzt durchwanderte, die Geister des Todes hinter jedem Felsvorsprung lauern konnten.

Da hörte er in der Ferne ein Jammern und Wehklagen, das jeden anderen Menschen mit Schrecken und sogar Wahnsinn erfüllt hätte.

Mipam erscheint auf der Bühne, sein Mantra singend.

Gleichzeitig erklingt fürchterliches Gejammer und Wehklagen im Hintergrund. Einige in schmutzige Laken gehüllte Gestalten erscheinen und verstellen Mipam den Weg.

1.Geist: Habe Erbarmen mit uns, heiliger Mann. Nur du kannst uns erlösen. Nur du kannst uns nähren. Komm zu uns und bete für uns. Sing für uns deine mächtigen Mantras, sprich für uns deine heiligen Gebete. Wir werden dich zu unserem höchsten König machen!

2. Geist: Wir werden dafür sorgen, dass alle Welt von deiner verdienstvollen Tat erfährt. Alle Wesen in den 7 Welten werden deine große Güte loben, wenn du bei uns bleibst!

3.Geist: Beklage mit uns unser Leid! Wir sind Gefangene im Reich des Leidens, arme ruhelose Wesen, verdammt zu ewiger Trauer, weil wir im Leben ständig um uns selber und über die Bosheiten der anderen getrauert haben. So haben wir vor lauter Trauer und Selbstmitleid vergessen, jenen zu helfen, die unsere Hilfe gebraucht hätten. Nun hängen wir hier fest. Oh Mipam, befreie uns, wenn du nicht willst, dass es dir ebenso geht wie uns!

Tanz der Tränen-Geister

Mipam singt sein Mantra und weicht den Wesen vorsichtig aus.

Erzähler: Mipam ließ sich nicht von diesen noch immer nur um sich selbst weinenden Geistern von seinem Weg abbringen. Vorsichtig ging er an ihnen vorbei. Jeder andere hätte bis ins Innerste geschauderte, denn diese Wesen waren kälter als das Eis der Gletscher.

Doch sein Tumo brannte und sein Mantra ließ ihn noch schneller an den Tränengeistern vorbei kommen. Nun wurde der Pfad immer steiler. Manchmal musste Mipam klettern und sich mit Händen und Füßen an den immer seltener werdenden Felsvorsprüngen festkrallen.

Er sah an der Felswand hoch, an der sich das blaue Band, das ihm den Weg wies, nun wie eine Kristallader durch das glatte, scharfkantige Gestein des hochaufragenden Felsengipfels zog. Das Band schien ihn zum Eingang einer verborgenen Höhle zu führen, und vorsichtig kletterte Mipam in die Höhe.

Mipam macht kletternde Bewegungen und singt dabei weiter sein Mantra.

Erzähler: Schließlich war der unermüdliche Mipam am Eingang der Höhle angelangt. Die Höhlenwände strahlten von innen heraus jenes blaue Licht, das Mipam auch den Weg hierher gewiesen hatte. Doch noch hatte Mipam nicht alle Hindernisse überwunden. Seht selbst, was weiter geschieht.

Zwei mächtige, furchteinflößende Nagas mit Schwertern, Schildern und Speeren bewaffnet, bewachen den Höhleneingang. Haufen von Edelsteinen, Goldklumpen und -münzen sind im inneren der Höhle aufgehäuft.

Die beiden schauen zu Mipam herunter, der sich mit den letzten Metern seines Aufstiegs abkämpft.

Er singt die ganze Zeit das Mantra.

1.Naga: Guck mal, ein Zwerg! Der will wohl die Schätze der Herrin stehlen!

2. Naga: Nein Bruder, das ist ein Mensch. Die Herrin hat gesagt, wir sollen die Augen offen halten, und ihn nur einlassen, wenn er uns beweisen kann, dass er auch der Richtige ist.

Mittlerweile ist Mipam am Höhleneingang angekommen und schickt sich an, die Höhle zu betreten. Er ist ziemlich außer Atem. Aber unbeirrbar singt er weiter sein Mantra.

Die Nagas treten ihm in den Weg und blockieren mit ihren mächtigen Körpern und Waffen den Höhleneingang.

1.Naga: Halt, hier ist dein Weg zu Ende, es sei denn, du sagst uns sofort und auf der Stelle, wer du bist und was dich hierher führt.

Mipam singt sein Mantra und versucht, zwischen den beiden her zu kommen.

2.Naga: Das ist irgend so ein Irrer, der sich hierher verlaufen hat. Sonst wüsste er doch wohl etwas mehr über sich zu berichten, als unablässig dieses Mantra vor sich hin zu sprechen.

1.Naga: Es ist ein Dieb - sieh nur wie zerfetzt seine Kleidung ist, und wie abgemagert er ist. Wäre er ein wirklich großer Magier, so wie er uns angekündigt wurde, so wäre es ihm ja wohl ein Kinderspiel gewesen, sich aus Luft und Gras eine kräftige Nahrung zu bereiten.

2.Naga: Nein, da irrst du, Bruder. Die Menschen werden nur satt von tatsächlicher Nahrung. Magie allein füttert sie nicht. Trotzdem - er kann nicht der sein, den wir erwarten. Sonst hätte es ihn nicht soviel Mühe und Entbehrungen gekostet, wie er offensichtlich auf sich genommen hat, um hierher zu kommen.

1.Naga zu Mipam: He du da, zeig uns ein bisschen was. Wenn Du nicht willst, dass wir dich gleich in den Abgrund stürzen, dann unterhalte uns ein bisschen mit deinen Zauberkünsten. Mipam reagiert nicht darauf. Er singt sein Mantra und versucht weiter, an den beiden vorbei zu kommen.

2.Naga: Er kann es nicht sein. Nach allem was die Herrin gesagt hat, ist Mipam einer, der nicht lange zögert, wenn er gebeten wird, mit seinen vielen verschiedenen Fähigkeiten zu glänzen.

1.Naga: Ja - er muss ein ziemliches Großmaul sein. Zumindest hätte er versucht, mit uns zu diskutieren und uns zu belehren, nach allem, was ich gehört habe.

2.Naga: Vielleicht ist er es doch. Wahrscheinlich bist du es, nicht wahr. Und bestimmt bist du ein großer Prahlhans, dem jetzt vor Schreck nichts mehr einfällt. Deshalb hüllst dich in dein andächtiges Mantra-Yoga - weil dir nichts mehr einfällt, hier, auf dem Dach der Welt, wo du vor uns stehst, den mächtigsten der Nagas an diesem Ort.

Erzähler: Ihr könnt euch vorstellen, wie sehr diese Worte Mipam noch vor einiger Zeit tief getroffen hätten. Doch mittlerweile war er so sehr mit seinem Mantra verbunden, dass auch die Sticheleien der Nagas ihn nicht von seinem Weg abbringen konnten.

Die Nagas ziehen ihre Schwerter und richten ihre Speere auf ihn.

1. Naga: An uns kommst du niemals, niemals, niemals vorbei! All deine Mühe war umsonst. Aber wir sind nicht ohne Mitgefühl. Deshalb geben wir dir von diesen wunscherfüllenden magischen Edelsteinen ein paar mit. Sie bringen dir herbei, was immer du dir in der materiellen Welt wünscht.

2. Naga: Guck mal, der hier zum Beispiel lässt dir jede Schrift ins Haus fliegen, die du dir wünscht. Ob sie in den Tiefen der geheimsten Höhlen verborgen sind, sie kommen zu dir geflogen wie die Vögel, wenn du sie dir wünscht. Selbst die durch magische Formeln geschützten Manuskripte, welche die Weisesten Meister selbst verfasst und dort für kommende Generationen hinterlegt haben, die sie erst weit in der Zukunft entdecken sollen - du kannst sie alle herbeirufen allein durch die Macht dieses Steines. (Dabei präsentiert er Mipam verlockend den Stein.)

1.Naga: Oder der hier - der macht dich zu einem großen, was sage ich, zum allergrößten Heiler, den die Welt je gesehen hat. Eine Berührung mit dem Stein lässt die Todgeweihten ihr Krankenlager verlassen und selbst die Toten wieder gesunden. Dieser Stein macht dich zum Herrn über Leben und Tod!

2. Naga: Immerhin hast du dir eine Menge Mühe gegeben, und es wäre ja schade, wenn das alles so ganz für nichts und wieder nichts gewesen sein sollte.

1. Naga: Hier nimm - nimm diese und noch ein paar mehr. (Naga greift in Schatzbetel und bringt eine handvoll glitzernde Steine zum Vorschein, die er Mipam reicht. Mipam nimmt sie jedoch nicht an.) Stopf dir die Taschen voll und geh nach Hause, bevor wir es uns anders überlegen. Du hast nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Du kannst als reicher Mann nach Hause gehen und wohlhabendes zufriedenes Leben führen, oder du kannst weiterhin versuchen, an uns vorbei zu kommen und von uns sang- und klanglos in den Abgrund gestoßen werden. Das ist deine allerletzte Chance! Wähle gut!

Erzähler: Bei diesen Worten der Nagas hätte wohl manch einer der Versuchung nicht widerstehen können, zuzugreifen und umzukehren. Doch Mipam blieb stehen, wo er war. Laut und deutlich wiederholte er sein Mantra und schaute dabei den Nagas voller Entschlossenheit in die Augen. Mipam singt sein Mantra. Die Nagas zucken die Schultern und beginnen voller Freude zu lachen und zu tanzen.

1. Naga: Er ist es tatsächlich.

2.Naga: Er hat wirklich einen starken Willen.

Die Nagas geben den Weg frei.

1.Naga: Tritt ein, du hast auch diese Prüfung bestanden.

2. Naga: Jetzt musst du nur noch die Herrin überzeugen.

Mipam nimmt keine Notiz von den beiden. Er tritt in die Höhle ein und geht zielstrebig weiter.

Szene 4

Thronsaal der Weisheits-Dakini

Ein mit Edelsteinen geschmückter Höhlenraum, in dessen Mitte ein Thron steht. Rechts und links davon befindet sich jeweils ein Schneeleopard. Die Dakini sitzt auf dem reichgeschmückten Thron.

Erzähler: Mipam hatte nun in der dunklen Höhle seinen Weg zum Thronsaal der Dakini zu finden. Doch sah er in der Ferne jenes blaue Leuchten, das ihm schon die ganze Zeit den Weg gewiesen hatte und das nun immer stärker wurde, während er sich darauf zu bewegte. Schließlich trat er in einen großen Raum ein. Strahlende Edelsteine tauchen als Deckenbeleuchtung den Thronsaal der Dakini in ein geheimnisvoll leuchtendes Regenbogenlicht. Heilige Thanghkas schmücken hier die mit Edelsteinen bedeckten Wände. Der ganze Fußboden ist ein Mosaik aus vielfarbigen fein geschliffenen Edelsteinen, nur unterbrochen von den Adern aus Gold und Silber, die sich wie lebendige geheimnisvolle Schlangen durch das Muster des Mosaiks flechten, so dass dieses zu einem leuchtenden, lebendigen Mandala wird, in dessen Mitte ein Thron steht, bewacht von zwei großen silbernen Schneeleoparden, so riesig und so silbrig wie Mipam sie nie zuvor gesehen hatte.

Mipam schaut sich staunend um, noch immer sein Mantra singend. Dann erblickt er die Dakini und wirft sich vor ihrem Thron nieder. Die Dakini gibt ihm ein Zeichen, sich zu erheben.

Dakini: Wer bist du und was ist der Grund, dass du meine Meditation störst?

Mipam: Ich grüße dich, mächtige Dharma-Beschützerin! Ich bin Mipam, und ich bitte dich um Belehrung, um die heiligen Schriften zu verstehen.

Dakini: Du hast mir zwar deinen Namen gesagt, nicht aber wer du bist. Dies ist das erste Rätsel.

Mipam: Das ist leicht. Ich komme aus Lhasa, bin der Sohn einer Familie von Tuchhändlern und habe im Kloster von Lhasa die Schriften ausgiebig studiert und alle Regeln der Praxis sorgfältig eingehalten. Jetzt bin ich ein Lama. Ich bin ein weitgereister Mann, der nun ein Ziel erreicht hat.

Dakini: Noch hast Du das Rätsel nicht gelöst. Du hast mir deinen Namen und deinen Stand gesagt, nicht aber, wer du bist. Überlege wohl; zwei Versuche hast du noch.

Mipam (zu sich selber /zum Publikum): Was sie wohl meinen kann? Meinen Namen habe ich genannt, ebenso meinen Stand. Auch meine Herkunft habe ich genannt. Ich muss nachdenken.

Mipam geht ein wenig auf und ab, dabei angestrengt nachdenkend.

Dakini: Nun?

Mipam: Ich bin ein Mitglied der Linie der Karma Kagyüs, und unser höchster Linienhalter ist der Weise Tilopa. Ich habe die vorbereitenden Übungen absolviert und bin in die Praxis der Phowa, des Tumo, des Tchöd und des Kalachakra eingeweiht.

Dakini: Es ist ehrenvoll, dass du deine Linie ehrst und nennst. Es ist verdienstvoll, sich in der höheren Praxis des Mahamudra zu üben. Doch noch immer hast Du mir nicht gesagt, wer du bist! Du hast noch eine Möglichkeit, diese Frage zu beantworten.

Mipam: Bitte lass mich über deine Frage meditieren.

Dakini demonstriert mit einer Geste ihr Einverständnis. Mipam setzt sich nieder und versenkt sich in seinen Geist.

Mipam: Es ist weder mein Name noch mein geistlicher Stand, nach dem diese Dakini fragt. Auch meine Studien oder meine Praxis scheinen sie nicht zu interessieren. Wer bin ich denn, wenn all dies nicht wesentlich ist? Nur durch Sunnyata kann ich die Antwort finden. Mipam atmet einige Male tief und gleichmäßig.

Mipam: Ich sehe einen Schneeleoparden, der durch die Wälder streift. Ich bin hungrig und ich rieche eine Herde von Yaks. Ich bin dieser Schneeleopard. Von weitem höre ich menschliche Stimmen, Gesänge, heilige Mantras. Eine unbekannte Regung bemächtigt sich meiner. Ich möchte kein Yak mehr töten. Ich möchte kein Leid verursachen.

Mein Hunger ist nicht mehr wichtig. Ich bin nicht mein Hunger. Ich möchte den Kreislauf des Leidens unterbrechen. Ich gehe zu den Menschen und bitte sie um Nahrung. Sie haben Angst vor mir. Sie schießen mit vergifteten Pfeilen auf mich. Ich laufe weg, hin zu den singenden Stimmen. Meine Kraft verlässt mich. Mir wird kalt. Doch schaffe ich es noch, das Tor des Klosters zu erreichen. Ich bin erschöpft und fühle mich schwer. Ich werde nicht einschlafen. Ich will diesen Heiligen Mantras lauschen, die um Friede, Weisheit und Befreiung für alle Lebewesen bitten. Doch ich werde immer leichter. Jetzt erhebe ich mich in die Luft, und ich sehe meinen Körper.

Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr in diese leibliche Hülle zurückkehren kann, und ich wünsche mir, aktiv teilzuhaben am Großen Werk der Befreiung aller lebenden und leidenden Wesen. Ich wünsche mir eine Welt, in der es weder Krankheit noch Seelenleid, weder Hass noch Entbehrung, weder Angst noch Gier gibt.

Ich sehe ein helles klares Licht vor mir. Es ist ein wunderschöner Palast. Ich trete dort ein. Es wird dunkel. Ich spüre den Hauch des Vergessens. Doch nein - ich will meinen Wunsch nicht vergessen.

Ich sehe einen zerzausten Mann, schwer bewaffnet mit blitzenden Messern und zwei krummen Schwertern. Er ist Nyado, der berühmte Räuber. Jetzt schöpft er Wasser aus einem Fluss. Er ist zornig, denn die Zweige von einem am Bachufer überhangenden Strauch haben ihm das Gesicht zerkratzt. Wütend reißt er Äste ab.

Ich bin Nyado, der Räuber. Von weitem höre ich menschliche Stimmen, Gesänge, heilige Mantras. Eine unbekannte Regung bemächtigt sich meiner. Ich möchte keine Raubzüge mehr machen, keine Menschen töten und auch keine Pflanzen sinnlos zerstören. Mein Schmerz ist nicht wichtig. Ich bin nicht mein Schmerz. Ich möchte den Kreislauf des Leidens unterbrechen. Ich laufe weg, hin zu den singenden Stimmen. Ich gleite aus an dem steilen Hang und stürze in die tiefe Felsenschlucht. Meine Kraft verlässt mich. Mir wird kalt. Doch schaffe ich es noch, das Tor des Klosters zu erreichen. Ich bin erschöpft und fühle mich schwer. Ich werde nicht einschlafen. Ich will diesen Heiligen Mantras lauschen, die um Friede, Weisheit und Befreiung für alle Lebewesen bitten. Doch ich werde immer leichter. Jetzt erhebe ich mich in die Luft, und ich sehe meinen Körper.

Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr in diese leibliche Hülle zurückkehren kann, und ich wünsche mir, aktiv teilzuhaben am Großen Werk der Befreiung aller lebenden und leidenden Wesen. Ich wünsche mir eine Welt, in der es weder Krankheit noch Seelenleid, weder Hass noch Entbehrung, weder Angst noch Gier gibt.

Ich sehe ein helles klares Licht vor mir. Es ist ein wunderschöner Palast. Ich trete dort ein. Es wird dunkel. Ich spüre den Hauch des Vergessens. Doch nein - ich will meinen Wunsch nicht vergessen.

Ich sehe einen Lama. Er studiert die heiligen Schriften und ist doch tief unglücklich in seinem Innersten. Er hat sein ursprüngliches Streben vergessen, dass ihn zum Menschen machte. Ich erkenne ihn: ich bin dieser Lama. Jetzt ahne ich es. Möge ich die richtige Antwort geben.

Mipam richtet sich, atmet tief durch und öffnet die Augen. Er wendet sich wieder der Dakini zu.

Mipam: Ich bin ein Teil des Höchsten Bewusstseins; ich bin ein Teil des Dharma, ich bin ein Teil der Sangha. Ich bin ein Sehnender, und ich bin die Sehnsucht; ich bin ein Wanderer und ich bin die Wanderung; ich bin ein Suchender, und ich bin die Suche. Ich bin ein Kind, das den Weg zum Land der Liebe sucht; und ich bin der Weg.

Dakini: Du hast das erste Rätsel gelöst. Höre nun das zweite Rätsel: Wer bin ich?

Mipam: Du bist die Dakini, die Weisheit spendet. Du bist die Erinnerungen Spendende, welche die Menschen an ihre Bestimmung erinnert. So bist Du die Erinnerung und die Bestimmung. Du bist die Hüterin der Heiligen Silben, und dein Wesen ist der Ursprung der Keimsilben. So belebst du die heiligen Mantras durch deine Kraft der Inspiration.

Du bist die Inspirierende und die Inspiration. Deshalb bist du der Lebensatem der Weisheit, die Hüterin der Weisheit und die Weisheit selbst! Nur durch deine Kraft und deinen Segen kann das wirkliche, innere Verstehen erlangt werden. Du bist die Mächtige Drölma.

Dakini: Du hast das zweite Rätsel gelöst. Hier ist das dritte Rätsel; es besteht aus zwei Teilen: Was ist Shambhala und wie kann man dorthin gelangen?

Mipam: Shambhala ist die Quelle der Freude. Es gibt dort nicht das kleinste Zeichen von Bosheit oder Verdorbenheit. Die Bewohner dieses Königreiches leben in Friede und Harmonie. Dort gibt es weder Krankheit noch Hungersnot. Denn niemals gibt es Missernten, und alle Nahrung ist gesund und reich an Nährstoffen.

Die Erscheinung jener, die dieses Land bewohnen ist wundervoll über alle Maßen: ihre Erscheinung strahlt Schönheit und Gesundheit aus. Sie tragen wunderschöne Roben; und ihre Anmut ist unvergleichlich. Menschen und Tiere leben dort in Frieden und Freundschaft miteinander und kommunizieren in der Heiligen Sprache der Telepathie miteinander oder in der Geheimen Heiligen Sprache der Dakinis.

Keine Worte gibt es in dieser Sprache für Krieg und Feindschaft. Die Menschen besitzen Gold, Silber und Edelsteine in Hülle und Fülle; doch muss niemand von seinem materiellen Reichtum Gebrauch machen. In Shambhala gibt es weder Gefangenschaft noch Schläge. Körperliche Züchtigung ist dort unbekannt. Denn die Gesetze von Shambhala sind gütig und gerecht.

Dakini: Damit ist der erste Teil des Rätsels beantwortet. Doch welcher Weg führt zu diesem Land der Liebe und des Lichtes?

Mipam (jetzt wieder ganz der Gelehrte): Zahlreich sind die Vermutungen hierüber; und die verschiedenen Quellen und Reiseberichte beschreiben unterschiedliche Routen, sodass es durchaus unterschiedliche Wege geben mag. Manche vermuten es jenseits der hohen Berge, nach Norden hin, andere im Nordwesten, manche unter der Eisdecke des Nordpols und wieder andere in Amerika oder sogar auf einem anderen Planeten.

Dakini: Ich habe dich nicht gefragt, was du hierüber gelesen hast. Ich habe dich gefragt, auf welchem Weg du meinst dorthin gelangen zu können!

Mipam: Durch den Tod. Ich wünsche mir, durch die Einweihung in die Praxis des Kalachakra dort wieder geboren zu werden, um im Heer des König von Shambhala an der Seite der Helden die Mächte der Finsternis zu besiegen.

Dakini: Ja - die richtige Einweihung ist zweifelsohne eine wichtige Bedingung. Du hast deinem Wissen und deinem Bewusstsein entsprechend die richtige Antwort gegeben. Du hast die Prüfungen auf dem Weg zu mir mit Mut und Tapferkeit bestanden. Es ist dir sogar gelungen, deine spirituelle Eitelkeit zu überwinden, die größte und am meisten heimtückische Falle! Daran haben hier in meinem Reich, ehrlich gesagt, die Wenigsten geglaubt. Frag nur die Beiden am Eingang - sie haben sogar Wetten auf deinen Misserfolg abgeschlossen!

Doch weil du alle Hindernisse auf dem Weg überwunden hast, will ich dir nun deinem wohlverdienten Lohn geben. Nimm diesen strahlenden Kristall, gewachsen im Inneren der Erde, erweckt durch das Licht des Geistes trägt er die Geheimnisse von Sonne, Mond und Feuer in sich, deren wahre Essenz sich dir durch die Meditation erschließen wird.

Und nimm diese Schriften, die einst der weise Padmasambhava selbst hier verborgen hat und in denen er jene geheimen Lehren und Meditationspraktiken festhielt, die ich ihm einst in seiner Meditation übermittelte.

Doch wisse - die Schriften allein werden dir das Geheimnis ebenso wenig offenbaren wie der Kristall. Denn nur durch die geistige Praxis wird beides lebendig, erweckt durch die Einweihung, die Kraftübertragung und Belehrung, belebt Kraft der Visualisation, und lebendig erhalten mittels des gesungenen Mantras.

Wisse, ich bin die Hüterin dieser Weisheit, die Verkörperung von Mitgefühl. Und ebenso bin ich das Leben selbst, die Herrin der Zeit, die Große Devi. Wisse, wer mehr als die Weisheit der Mahadevi, der Großen Tara begehrt, der gleicht einem, welcher die Spur eines Elefanten sucht, wenn er den Elefanten selbst bereits gefunden hat!

Diese Meditationspraxis wirkt Befreiung aus den acht Begrenzungen, welche sind: guter und schlechter Ruf, Verdienst und Verlust, Lob und Verleumdung, Glück und Elend. Kurz - diese Meditationspraxis führt dich auf einem geheimen Weg direkt zu jenem Ort, welchen die Eingeweihten das Shambhala des Herzens nennen, und jenseits von Zufriedenheit und Unzufriedenheit wirst Du die Geheimnisse von Shambhala in allem um dich herum erfahren: im Lied der Amsel, im Tanz der Schneeflocken und im Glitzern der Sterne am Firmament ebenso wie im Lächeln eines Kindes und im jagenden Spiel der Katzen in deiner Einsiedelei.

Denn um die Erlösung vom Leid für dich und für alle Lebewesen erreichen, ist es notwendig, die Freude zu kennen, welche die Lebewesen erfüllt. Dies ist nicht die Freude über materielle Güter oder persönliche Erfolge. Es ist die Freude an allem, was lebt, das Eins-Sein mit der Schöpfung, dem Leben selber. Und diese Freude ist nicht die lärmende Freude des Triumphes oder der Komödie, ebenso, wie die Stille der Gedanken ist nicht die Stille des Grabes. Höre nun über die Natur der Leerheit.

Die Leerheit ist nicht die Leerheit des Körpers, wenn das Atmen aufgehört hat und die Seele den Mantel des Leibes abgelegt hat, um sich auf ein neues Abenteuer im Zyklus von Geburten und Toden aufzumachen. Vielmehr liegt in der Stille der Gedanken, der Leerheit des Geistes der Schlüssel zur Vereinigung mit dem Ursprung jenseits des Seins. Und dies ist der Weg der zu mir führt.

Freude ist dein Reittier, dein Schuhwerk, deine Nahrung. Mitgefühl und Demut sind die Pfeiler und Schwellen der Brücke, die über die Abgründe führt, welche auf dem Wege zum Shambhala des Herzens liegen. So - bewahre nun wohl meine Worte in deinem Herzen - mein Segen ist mit dir! Viel Glück und gute Reise!

Erzähler: Mit diesen Worten verschwand die Dakini auf geheimnisvolle Weise vor den Augen von Mipam, der sich nun allein in einer schmucklosen Höhle wiederfand und sich verblüfft die Augen rieb.

Mipam: War das etwa ein Traum? Nein - hier ist die Schriftrolle, und hier der Kristall. Und wie wundersam leicht ich mich fühle! Ich könnte tanzen. (Mipam tanzt durch die Höhle.) Früher hätte ich so etwas als höchst unwürdig empfunden - doch es fühlt sich einfach gut an. Oh Große Weisheitsdakini, ich danke dir von ganzem Herzen!

Vogelgezwitscher

Mipam: Oh, was für eine wundervolle Musik! Ich will die kleinen Musikanten sehen; ich will den Morgen sehen, die aufgehende Sonne, kündend der Tage Stunden, den leuchtenden Mond, Barke der Träume, die grünen Baumwipfel, die sich im Winde wiegen - Tanz der Naturgeister. Welch schwere Last ist von meiner Seele gefallen!

Er eilt aus der Höhle. Draußen reckt er sich und streckt seine Arme gen Himmel.

Mipam: Hier ist Shambhala. Ich habe es gefunden. Es ist in meinem eigenen Herzen verborgen. Es ist in jedem Herzen verborgen. Oh, mögen doch alle Lebewesen den Weg nach Shambhala finden! Ich weiß, ich kann niemandem dorthin führen. Doch mag es möglich sein, den ein oder anderen Rat für den Weg zu geben, und jene, die Ohren haben zu hören und Verstand zu verstehen, werden dann ihren Weg zum Shambhala des Herzens selber finden.

Denn die Große Göttin lässt niemanden in die Irre wandern, der sich um die Verwirklichung von Liebe, Mitgefühl, Freude und Befreiung bemüht.

Erzähler: Und Mipam machte sich auf den Rückweg, der ihm nun viel weniger mühsam erschien als der Weg zur Höhle der Dakini. Er begegnete wieder den Leidensgeistern und er segnete sie, auf dass sie eine bessere Inkarnation erlangen mochten. Er segnete die hungrigen Berggeister; und er segnete sogar die Phantome der Würdenträger. Denn er wusste nun, dass die Wesen nicht durch Segen noch durch Studium der Schriften allein Befreiung erlangen konnten, und dass Einsicht und inneres Verstehen ebenso notwendig waren wie die tägliche, konsequente und richtige spirituelle Praxis, um diese Gabe der Göttin zu erlangen.

So ließ er sich nicht ein auf die Fallstricke der Geister, vor denen ihn zuvor das Tara-Mantra und der Zauber der Dakini beschützt hatten.

Ich sehe, Ihr wollt wissen, was aus Mipam wurde? Ob er nun ein großer Tulku wurde, ein Weisheitslehrer, Abt eines der berühmten Klöster in Lhasa, der Stadt der 1000 goldenen Dächer? Nein - Mipam ging weder nach Lhasa noch sonst irgendwohin, wo sich Würdenträger und Schüler des Mittleren Pfades versammeln. Mipam kehrte glücklich und zufrieden zu seiner Einsiedelei zurück. Doch jetzt kehrte er nicht mehr der Welt aus Enttäuschung den Rücken.

Nein - er bedurfte ihrer einfach nicht mehr. Seine Nahrung war der Nektar der Blüten und die gaben der Pilgernden. Seinen Durst stillte die kristallklare Quelle, die unterhalb seiner Höhle dahinplätscherte. Und seine Freundlichkeit und seine Weisheit waren bald im ganzen Himalaya so berühmt, das man sagte, wenn jemand Heil und Trost in besonderem Maße spenden konnte: Er hat das Strahlen wie Mipam.

Ob jemand seinen Zauberkristall je wieder gesehen hat, wollt ihr wissen? Aber ja - viele haben ihn gesehen, doch kaum jemand hat ihn erkannt. Denn für die Augen der Unwissenden ist der Kristall der Heilung nicht mehr als ein schäbiger Kieselstein im Eingangsbereich einer düsteren Höhle. Und die heilige Schrift von Padma? Einmal soll ein vorwitziger Schüler sie heimlich entrollt haben - aber er sah nichts als leere Palmblätter und verließ enttäuscht seinen Lehrer. Doch jene wenigen Schülerinnen und Schüler, die Mipam hatten, verbreiteten die Lehre vom Shambhala des Herzens überall, und viele hörten die Lehre, doch nur wenige verstanden sie, weil sie ihnen in ihrer Schlichtheit zu wenig und in ihren Anforderungen zuviel erschien. Und..wie ist es mit Euch?

Finis